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Haro von Laufenberg:

"Feuersturm über Stolberg"

Rezension zu Karl Schleicher (Hg.) (1994): Feuersturm über Stolberg; Die Leiden der Zivilbevölkerung von Anfang September bis Ende November 1944. Stolberg: Stolberger Heimat- und Geschichtsverein (Beiträge zur Stolberger Geschichte, Bd. 22).

Diese Rezension wurde anlässlich der Eröffnung des webbasierten Mitgliederforums im Arbeitskreis Geschichte Mausbach e.V. erstellt und dort erstmals veröffentlicht.

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"Feuersturm" bezeichnet den Kamineffekt bei einem Flächenbrand. Bezogen auf Kriegsereignisse sind es Luftangriffe gewesen, die Feuerstürme herbeigeführt haben, so die nuklearen Feuerstürme 1945 in Hiroshima und Nagasaki, die mit Flächenbombardements entfachten Feuerstürme 1943 in Hamburg und 1945 in Dresden, um einige der schwersten zu nennen. Feuerstürme entwickeln eine derartige Hitze, dass die Menschen alleine schon im Umkreis des Feuers regelrecht gekocht werden.

"Feuersturm über Stolberg" ist der Titel, unter dem Karl Schleicher vornehmlich Ego-Quellen über die Lage in Stolberg während der Kriegsmonate September bis November 1944 zusammengestellt hat. Ohne die "Leiden der Zivilbevölkerung", wie es im Untertitel heißt, in der Sache zu schmälern, es hat in Stolberg trotz Talkessel-Lage keinen Feuersturm gegeben. Im Stolberger Raum und in Stolberg selbst wurde vor den Kampfhandlungen evakuiert, und Stolberg war eine "normale" Frontstadt, so wie nicht lange zuvor dies Städte in Polen, Italien und Frankreich gewesen waren. Die Titelwahl ist mithin geeignet, die tatsächlich erlittene Unbill der Stolberger zu überhöhen, setzt sie doch zugleich die Qualen derjenigen herab, die tatsächlich in einem Feuersturm umgekommen sind.

Fünfzig Jahre nach den Ereignissen hätte ich eine Studie erwartet, anstatt der Aneinanderreihung von ballastreichen Ego-Quellen unter einem in der Sache unzutreffenden, den Ballast aber befördernden Titel "Feuersturm". Zumindest eine kritische Betrachtung. Zumal unser Gehirn in nichts störanfälliger ist als im Gedächtnis. Erinnerung ist ein reproduktiver Prozess, der nicht zuletzt von der Sozialisation beeinflusst ist.

So erscheint es mir auch in "Feuersturm über Stolberg" trotz der 50 Jahre Abstand an der nötigen Distanz zu fehlen, als sei man in der Nachkriegszeit stehen geblieben.

Schon im Vorwort heißt es da, die "Stolberger Kriegschronik" sei "mit Unterstützung des liberalen Bürgermeisters Engelbert Regh" erstellt worden. Gewiss, Regh war in der Nachkriegszeit in der FDP und saß 1952 für dieselbe im Kreistag des Landkreises Aachen. Über die FDP dieser Zeit ist bekannt geworden, dass sie ein beliebter Anlaufpunkt für Nazis und Kriegsverbrecher gewesen sei. Bevor Regh in die FDP eintrat, war er Nazi. Er soll "nicht immer gut mit der Partei ausgekommen sein" (Henke 1996, S. 259). So mancher Bürgermeister hat 1945 und danach behauptet, man sei in die Nazi-Partei eingetreten, um Schlimmeres zu verhüten. Tatsächlich habe man Kontakt zum Widerstand gehabt, und zum Beweis dessen wurde gerne ein Brief Goerdelers aus der Tasche gezogen. Carl Goerdeler gehörte zu den zivilen Köpfen der Widerstandsbewegung, hatte aber jeden der preußischen Bürgermeister angeschrieben, nämlich weil er eine Beamtenpartei ins Leben rufen wollte. Goerdeler hatte bereits als Demonstration des Widerstands anlässlich der Beseitigung eines Denkmals für Felix Mendelssohn Bartholdy sein Amt als Oberbürgermeister von Leipzig niedergelegt. Regh hatte, nach den Forschungsergebnissen der Stolberger Gruppe Z (Lange-Rehberg 2011, S. 39), anlässlich der Pogromnacht die Verhaftung von Juden, die ins KZ Buchenwald deportiert wurden, als Bürgermeister angeordnet, und er trat für Zwangsarbeit politischer Häftlinge ein. In der "Kölnischen Zeitung" äußerte Regh schon 1924 die Forderung nach "Rückkehr zu völkischem Bewusstsein" und gegen "demokratische Massenvergötterung" (Kölnische Zeitung, Reichstagswahlen, Ausg. v. 2.5.1924, S. 1). – Die Formulierung "liberal" bezieht sich ausdrücklich auf Reghs Auftritt vor 1945, und daran ist nun nichts Liberales zu finden.

Aber auch die Schilderungen selbst scheinen mir in der Sozialisation verhaftet zu sein. So wie ein Angriff auf die Happy-Welt, in der man aufgewachsen und in die man hinein erzogen worden ist, weshalb das Unheil des Nazitums und damit auch der Krieg ein Vergehen der Anderen ist. Und wenn man doch Schuld oder Mitverantwortung trüge, dann wäre die doch abgebüßt im "Feuersturm" bzw. der Evakuierung vor diesem. Auffälligerweise beziehen sich die Berichte über die Nazi-Zeit in der "Heimat" ganz überwiegend auf die drei Leidensmonate 1944. So wie eben in "Feuersturm über Stolberg". Da ist immer wieder die Rede von "der Partei" und "den Nazis", dass sich "einige Galgenvögel in braunen Uniformen herumtreiben" (S. 42), von der "betrogenen Generation" (S. 49), von "Bitterkeit und Schadenfreude" (S. 78). Das klingt, als seien etwa die Freilichtspiele 1937 und 1939 in Vicht mit dem völkischem Kitsch der unheilvollen Art nicht außerordentlich gut besucht gewesen, wie aber Fotodokumente aus der Sammlung von Memorabila im Arbeitskreis Geschichte Mausbach e.V. (AGM 127-58 ff.) belegen.

Wie es so weit kommen konnte, wenn doch nur so wenige die Nazis waren, fragte die "Aachener Zeitung" und zitierte als Antwort aus einem bekannten örtlichen Geschichtsverein: "Die hatten die Uniformen an. Die hatten zu der Zeit die Macht." (Aachener Zeitung, 8.11.2013) Wer, die Polizei? Ja, die hatte sich ganz schnell auf die Seite des Nazitums gestellt. Das Nazitum war im Rheinland indes sehr breit aufgestellt, ein Umstand, der das Verschweigen und Verdrängen desselben in der Nachkriegszeit begünstigte. Statt in besonderem Maße vertikal wie anderswo im Reich war man auf rheinische Art mit Klüngeln und Schunkeln doch mehr in der Horizontalen und in der bestens aufgestellt. Insofern ist es auffällig, dass in den Schilderungen SA, NSV, Frauenschaft, DAF wenig oder gar keinen Raum finden. Dabei konnte man sich doch dort als Nazi organisieren, und das taten Millionen und darunter auch etliche im Stolberger Raum, ohne Mitglied der "Partei" zu sein und hatten trotzdem eine Uniform an. Und längst nicht immer unfreiwillig. Man hätte auch als Bürgermeister nicht in die Nazi-Partei eintreten müssen, man hätte ja auch Bienenzüchter werden können. Verhindert hat ein Bürgermeister gar nichts. (Das sieht man hier schon an Carl Goerdeler, der als Oberbürgermeister resigniert hat, s.o.) Wer allzu schlecht mit Nazi-Ideologie und Terror auskam und doch im Amt verbleiben wollte, der wurde kurzerhand ausgetauscht, wie das hier in der sog. Region auch gemacht worden ist.

Man soll das Ganze wohl affirmativ lesen. Um es nämlich neutral oder gar als Antikriegsbuch lesen zu können, stören auch eingeschobene Schilderungen der Kampfhandlungen. Da klingt Deutschtum an, wenn etwa die gar so schlecht ausgerüsteten und wenigen deutschen Kombattanten gegen die "anströmenden Fluten" (im Osten war Vernichtungskrieg, da sagte man "Horden") das "Unglaubliche" geschehen lassen (S. 69) und den "überlegenen bestausgerüsteten Angreifern", "dem Feinde", "mit um so größerer Tapferkeit standhielten" (S. 71). Solcherart Hervorhebungen hatte sich Ernst Jünger "In Stahlgewittern" noch enthalten.

Eine Überhöhung von Leid, das einem andere zufügen, dem man dennoch standhält, hat hier in der sog. Region sicherlich auch eine kirchlich-kulturelle Tradition. Dennoch hätte das anerkannt wichtige Thema der Kriegsereignisse in einer Veröffentlichung eines Geschichtsvereins und dies im Jahre 1994 bei allem Respekt vor den Leistungen der Leute und gerade dieser Leistungen wegen ballastfrei, d.h. kritisch und ohne den Duktus der Nachkriegszeit dargestellt werden müssen. Das hat man verpasst, und deshalb sollte dies in einer Studie unter Heranziehung eben auch dieser, unter verschiedenen Gesichtspunkten wertvollen Quellen nachgeholt werden.