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Heinrich Gille, Selbstzeugnis

Zeitgeschichte 1904 bis 1948

Heinrich Gille (*1904 in Hastenrath; †1987 in Eschweiler) war Bergmannssohn, machte in Eschweiler eine Lehre als Metalldrucker, wurde indes Berufsmusiker im Musikerkorps der Reichswehr, dann der Wehrmacht und schließlich als Zahlmeister Wehrmachtsbeamter. Er hat eine Handschrift aus dem Oktober 1949, verfasst im Lungenkrankenhaus in Süchteln, hinterlassen, in der er seine Eltern und den eigenen Lebensgang bis 1948 schildert.

Vita Heinrich Gille

*23. August 1904 in Hastenrath bei Eschweiler – 1910 bis 1917 Schulzeit – zwischen 1920 und 1925 Lehre als Klempner und Metalldrucker, Lohnarbeiten – 1925 bis 1928 erwerbslos – 8. Oktober 1928 Eintritt in die Reichswehr – 30. Dezember 1932 Heirat mit Margarete Tesch aus Hastenrath – 10. Mai bis 10. November 1940 Teilnahme am Westfeldzug – 1941 Zahlmeisteranwärter in der Wehrmacht, ab 1942 Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsamt – 1. März 1944 Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit – ab 1. Juli 1944 Truppenzahlmeister in Galizien – Mai 1945 bis August 1948 Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion – 1950 Steuerassistent beim Finanzamt Aachen-Land, 1954 Steuerinspektor, 1962 Obersteuerinspektor, 1964 Steueramtmann – 1966 Pensionierung – †31. März 1987

Heinrich Gille war im örtlichen Vereinsleben und im Ehrenamt bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig. 1936 wurde er "Burgenkönig" der Schützengesellschaft in Hastenrath, 1958 Schützenkönig in Eschweiler-Scherpenseel, 1959 Kegelkönig des Kegelklubs "Spätheimkehrer". 1975 wurde er in die "Ehrenabteilung" der Freiwilligen Feuerwehr Eschweiler aufgenommen.

Aus meinem Leben

Handschrift von Heinrich Gille (Privatsammlung Armin Gille, Eschweiler-Nothberg)

Transkription von Armin Gille. Annotationen von Haro von Laufenberg

© Handschrift, Transkription und Fotos zum Text: Armin Gille. Die Veröffentlichung auf Laudismonte.de ist auf Veranlassung und mit freundlicher Erlaubnis von Armin Gille erfolgt.

Inhalt:

[Prolog]
*1904; zu den Lebensumständen vor dem Ersten Weltkrieg
Mein Vater
Johann Gille, *17.10.1860 in Werth/Gem. Gressenich, Bergmann auf Grube Reserve in Nothberg, †27.2.1931 in Hastenrath
Meine Mutter
Louise Kertzmann, *18.1.1863 in Alfter, Hausfrau, †10.11.1946 in Hastenrath/Eschweiler
Aus meiner Kindheit und Schulzeit
1910-1928; Aushilfsarbeiten in der Rüstungsindustrie, Lehre als Metalldrucker, Ausbildung am Aachener Orchester zum Trompeter, Eintritt in das Musikerkorps der Reichswehr
Etwas aus meiner Soldatenzeit
1929-1939; Musikkorps der Reichswehr/Wehrmacht in Münster
Der Krieg im Westen
1940/41; Teilnahme am Westfeldzug bis November 1940, Ausbildung zum Zahlmeister
Ich wurde Wehrmachtsbeamter
1942-1948; Verwendung beim Wehrmachtfürsorge- und –versorgungsamt in Düsseldorf, ab Juli 1944 als Truppenzahlmeister in Böhmen, 1945-48 Kriegsgefangenschaft

Süchteln, im Oktober 1949.

Aus meinem Leben

Es war das Jahr 1904 – Niemand ahnte, daß in geschichtlich so kurzer Zeit zwei folgenschwere Kriege über Deutschland und die ganze Welt kommen würden. In dem von Bismarck festgefügten Reich herrschte Wohlstand. Industrie und Landwirtschaft blühten. Die Glorie des Kaisertums überstrahlte das gesamte völkische Leben. An Krieg dachte keiner. Die Gegensätze im fernen Osten – der Krieg zwischen Japan und Rußland – und die Folgen der Konferenz von Algeciras beunruhigten nicht. Unter dem starken Schutz der Flotte vollzog sich ungestört der beachtliche deutsche Überseehandel; das wohlausgerüstete und schlagfertige Heer gab auf dem Festland unbedingte Sicherheit. So schien der Friede für immer verbürgt zu sein.

In dieser Zeit, die mir später von älteren Leuten stets als die glücklichste gepriesen wurde – man sprach oft und gern von der "guten alten Zeit" – wurde ich geboren. Mein Geburtsort war ein kleines Dorf in unmittelbarer Nähe der Stadt Eschweiler, früher eine selbständige Gemeinde, jetzt gehört sie zum Stadtgebiet. In unserem Ort nahm der Wohlstand keine exponierte Stellung ein. Die Männer waren fast ausnahmslos Bergleute, die auf der unweit gelegenen Grube ihrer schweren Arbeit nachgingen. Ein kleiner Teil fand auch Beschäftigung in der umliegenden eisenverarbeitenden Industrie. Trotz der täglichen schweren Arbeit und des recht bescheidenen Einkommens waren alle zufrieden. Abends wurde noch fleißig im Garten geschafft, und man fand Zeit zu einem geselligen Schwatz. Bei festlichen Anlässen zeigte sich überquellender Frohsinn, der besonders bei der Kirmes und während der Karnevalszeit durchbrach.

Kunterbunt waren die kleinen Arbeiterhäuser zusammengestellt. Die Landschaft bedeutet nichts Besonderes. Wir Kinder fanden jedoch in den verlassenen Steingruben, die hausgroße Steinbrocken und verborgene Gänge bargen, ein ideales Feld für unsere Kriegs- und Räuberhauptmannspiele. Manche vergnügte Rutschpartie machten wir von den Kiesbergen des kleinen Erzwerkes! (Abb. 1, Halde Albertgrube) Auf den mageren Gemeindewiesen und in den kleinen Buschparzellen hüteten wir die Ziegen und fanden uns hierbei zu Spielen mancherlei Art zusammen. Nicht selten vergaßen wir dabei Zeit und Ziegen. Kamen wir dann abgehetzt zu Hause angerannt, standen die Ziegen schon im Stall und verzehrten behaglich ihr Abendfutter.

Ich war das jüngste Kind von acht Kindern. (Abb. 2, Familienfoto) Zu dieser Zeit mußten alle Lebensbedürfnisse vom schmalen Verdienst meines Vaters bestritten werden. Ich erinnere mich zwar nicht, daß jemals Not bei uns zu Hause war – wenigstens spürten wir Kinder nie etwas davon – aber alles mußte sich doch nach der Decke strecken.

Mein Vater

Mein Vater 1 war überall beliebt und geachtet. Er genoß allgemein ein gutes Ansehen. Sprach man vom alten Papa Gille, zog bei manchem alten einheimischen Bürger ein stilles Schmunzeln über das Gesicht. Der Grund hierfür ergab sich aus einem Vorkommnis während der vierzigjährigen Tätigkeit meines Vaters als Bergmann. Ruhig und gemessen, dabei aber von steter Freundlichkeit und zuvorkommendem Wesen war er bekannt und überall gern gesehen. Seine Vorgesetzten schätzten ihn als fleißigen Arbeiter. Unzufrieden war er nie; Unwilligkeit kannte er nicht. (Abb. 3, Eltern)

Einmal ergab sich, daß in seinem Grubenrevier ein neues Kohlenfeld abzubauen war. Die Flöze waren von mäßiger Stärke, die Kohle hart und fest. Gegen Ende der Schicht erschien der Obersteiger, um sich über den Fortgang der Arbeit zu orientieren. Auf die Frage: "Wie geht es?" antwortete der alte Papa Gille mit dem berühmt gewordenen Ausspruch: "Mächtig, prächtig, Herr Obersteiger!" – "So! Und wieviel Kohlen habt ihr heute gefördert?" – "Wenn wir diesen Hund 2 voll haben und noch einen, dann haben wir zwei." Der zunächst verdutzt dastehende Obersteiger konnte sich dann doch eines stillen Lächelns nicht enthalten. Schnell machte diese kleine Begebenheit überall die Runde und erregte allerorts Heiterkeit. Noch heute erlebe ich es, daß hin und wieder ein alter Bergmann beim Vorbeigehen oder bei einem kurzen Verweilen in der Dorfschänke mit wissendem Schmunzeln mir die Worte: "Mächtig, prächtig!" zuruft.

Wie man allgemein sagt, reitet jeder sein Steckenpferd, das heißt, ein jeder Mensch treibt irgendeine Liebhaberei. So mein Vater auch. Mit Vorliebe blies er Klarinette. Als junger Mann hatte er bei einem nicht allzu begabten Musiker einige Unterrichtsstunden genossen. Viel war dabei nicht herausgekommen. Es reichte gerade zur Kenntnis der Fingersätze und der einzelnen Griffe. Seit dem übte er fleißig fast jeden Tag in einer dickleibigen Klarinettenschule sein Pensum durch. Schwierige Passagen, Tonleitern mit mehreren Vorzeichen sind ihm allerdings stets ein Geheimnis geblieben; aber die damals üblichen leichten Tänze beherrschte er fehlerlos. Höhepunkte seiner musikalischen Lieblingstätigkeit waren die Abende, an denen er mit fünf bis sechs ähnlich begabten Kameraden – so nannte er sie immer – anläßlich der Kirmes oder bei einer sonstigen Festveranstaltung zum Tanz aufspielen konnte. In den Pausen wurde manch kräftiger Witz zum Besten gegeben, und die Flasche machte in ehrlicher Weise ausgiebig die Runde. Das dabei herausspringende Verdienst reichte gerade, um die Auslagen zu decken. Das genügte ihm denn auch voll und ganz.

Solange ich mich entsinnen kann, ist mein Vater bis zu seiner Pensionierung nie krank gewesen. Seine Arbeit hat er an keinem Tag versäumt. Täglich arbeitete er auch mindestens drei bis vier Stunden im Garten. Mein Großvater – von Mutters Seite her – war Schneider und Gärtner gewesen. Die Tätigkeit als Gärtner übernahm mein Vater bei der Verheiratung und setzte sie später fort. Es handelte sich hierbei allerdings nicht um einen Gärtnereibetrieb nach großstädtischem Muster. Er züchtete die allgemein gebräuchlichen Pflanzen und baute die üblichen Gemüsesorten an. Dazu verkaufte er noch eine geringe Menge an Sämereien. Seine Arbeit als Gärtner brachte ihm viel Mühe, erbrachte jedoch ebenso wie die musikalische Tätigkeit keine nennenswerte Einnahme. Der sich hieraus ergebende kleine Gewinn verschwand in Mutters tiefer Tasche.

Neben dem Klarinettenblasen hatte mein Vater noch eine andere Passion. Es war dies das Fangen und Aufzüchten von Vögeln. Diese Leidenschaft hatte er von seinem Vater übernommen. Wenn der Winter mit Frost und Schnee seinen Einzug hielt, hüpften vornehmlich die kleinen futtersuchenden Finken bei uns im Hof umher. Stundenlang konnte mein Vater dem lustigen Treiben zusehen, wenn die kleinen Tierchen die hingeworfenen Brotkrumen auffingen und gierig verzehrten. Nach einigen Tagen konnte er dann seiner Lust nichtwiderstehen, er mußte ein oder zwei der Vögel fangen. Unermüdlich war nun seine Sorge für die kleinen bescheidenen Sänger. Wiederholt stellt er auch Aufzuchtversuche mit Kanarienvögeln an. Soviel ich mich entsinne, ist er hierbei nie zu einem Erfolg gekommen.

Ohne Pfeife kann ich mir meinen Vater nicht vorstellen. Papa Gille ohne Pfeife wäre wie ein Schornsteinfeger ohne Rußflecken gewesen, oder wie ein junges Mädel, das den Dorfburschen nicht gefallen möchte. Jede Woche rauchte er sein halbes Pfund festen, starken Strangtabak. Kam mein Vater am Ende der Schicht von der Grube nach Hause, so fand er stets ein Schnäpschen vor. Es war dies ein sogenannter Schobbe Klare. Er kostete 20 Pfennig und war nicht von der besten Sorte. Aber er genügte ihm.

Hin und wieder trank mein Vater auch einen über den Durst. Dies war wohl sein einziger Fehler. So rund alle zwei Monate kam das vor. Dann konnte es sein, daß Mutter schimpfte. Papa Gille wurde dann auch leicht etwas hitzig. Hatte er seinen Rausch ausgeschlafen, war alles vergessen und vergeben. Meine Eltern haben nie ernstlich Streit gehabt, obwohl sie an und für sich ganz verschieden veranlagte Menschen waren. Zum Lobe meines Vaters sei gesagt, daß er korrekt und peinlich sauber war. Sein Werkzeug lag stets am gleichen Platz; auch wenn er zur Arbeit ging, da hatte er keinen Staubflecken an seiner Kleidung. An Sonn- und Feiertagen achtete er ganz besonders auf Sauberkeit und tadellosen Sitz der Krawatte. Meine Mutter hatte diesen Ordnungssinn nicht.

Höhergestellten zeigte mein Vater immer die nötige Achtung; im Freundes- und Kameradenkreis war er überall gleich beliebt, und mit den Nachbarn hielt er stets Frieden. Während der langen Winterabende las er gerne ein unterhaltsames Buch. Große Ansprüche stellt er bei der Auswahl des Lesestoffes nicht. Die vom Borromäusverein entliehenen Schriften fanden in der Regel seine Zustimmung. Langsam und bedächtig las er jeden Abschnitt durch. Tage oder sogar Wochen später erzählte er dann bei guter Gelegenheit mit eigenen Worten den Inhalt des gelesenen Buches. Diese schönen Stunden ergaben sich häufig dann, wenn wir an kalten Wintertagen Kaffee getrunken hatten, die Dämmerung einsetzte und wir Kinder uns um den warmen Ofen ein Plätzchen auf dem Boden oder auf der Fußbank gesucht hatten. Dann ließ auch die Mutter für eine Weile ihre regsamen Hände im Schoß ruhen. Häufig erzählte er uns auch etwas Lustiges. Er besaß ein kleines Repertoire an Witzen, der er gerne zum Besten gab und dabei am Schluß selbst der größte Lacher war. Uns waren diese Erzählungen später so vertraut, daß wir das Ende gleich erraten konnten. Trotzdem lauschten wir immer wieder gern den lustigen Schnurren.

Ruhig und zufrieden, wie ein gut gehendes Uhrwerk, lief das Leben meines Vaters ab. Diese Zufriedenheit konnte man richtig spüren, wenn man mit ihm umging. Uns Kindern gegenüber gebrauchte er nie ein böses Wort. Mit Ablauf des Monats, in dem er 65 Jahre alt wurde, ließ er sich pensionieren. Er war zu diesem Zeitpunkt weder krank noch altersmüde, sondern besaß seine volle Rüstigkeit. Und doch war es ihm nicht vergönnt, noch lange dieses beschauliche Leben zu führen. Während der letzten Jahre lebte er mit der Mutter allein in unserem kleinen Häuschen. Alle Kinder waren ausgeflogen. Ich selbst lebte seit mehreren Jahren in Münster.

Unerwartet erlitt mein Vater einen Blutsturz, der ihn auf das Krankenlager warf. Von Krankheit wollte er auch dann noch nichts wissen. "Ich bin doch nicht krank, ich will aufstehen!" sagte er immer wieder. Eine Besserung sollte er nicht mehr erleben. Im März 1931 starb er. Die Nachricht von seinem Tode erreichte mich während einer Orchesterprobe in Münster. Da wir am folgenden Tag noch ein großes Rundfunkkonzert ausführen mußten, konnte ich erst ganz kurz vor der Beerdigung zu Hause eintreffen. Die rege Teilnahme an der Beerdigung meines Vaters zeigte deutlich seine große Beliebtheit. Jeder Mann aus dem Dorfe, der abkommen konnte, gab dem alten Gille die letzte Ehre.

Meine Mutter

Das Leben meiner Mutter 3 war eine ununterbrochene Kette von Arbeit und Sorge für die Familie. Zum Ausruhen und Kranksein blieb keine Zeit. Gott sei Dank wurde sie auch von keinem Leiden geplagt. Bis in ihr hohes Alter bewahrte sie ihre körperliche und geistige Rüstigkeit. Sie wurde im Jahre 1863 geboren und entsann sich noch recht gut des Deutsch-Französischen Krieges, wußte viel zu erzählen von dem 3-Kaiserjahr und war ein junges Mädel, als Bismarck im Reich Politik machte. Um die Jahrhundertwende, in der "guten alten Zeit", stand sie im besten Alter. Als 50-jährige erlebte sie den Ersten, als 80-Jährige den Zweiten Weltkrieg, und im 83. Lebensjahr ging sie den schweren Weg in die Evakuierung. (Abb. 3, Eltern)

Im Jahre 1889 heirateten meine Eltern. 1890 kam das erste Kind zur Welt, als achtes machte ich 1904 den Abschluß. Bei meinen Eltern war Fleiß und guter Wille vorhanden, an irdischen Gütern dagegen sehr wenig. Eine Fülle von Arbeit verursachten die Kinder, daneben half Mutter aber auch fleißig im Garten mit und versorgte das Vieh. Zwei Ziegen und ein Schwein waren immer zu betreuen. Zur Erntezeit, oder wenn die Arbeit in der Landwirtschaft besonders drängend war, half dazu die Mutter noch beim Bauern aus.

In ihrem langen Leben fehlte es nicht an harten Schicksalsschlägen. Von acht Kindern mußte sie vier ins Grab legen, eins verblieb im Ersten Weltkrieg. Das älteste Kind starb mit drei Jahren an den Folgen einer heftigen Verbrennung, das zweite erlag in jungen Jahren der Diphtherie, und mit zwölf Jahren fiel das siebte Kind einer tückischen Lungenentzündung zum Opfer. Den schwersten Schlag erlitt meine Mutter, als ihre einzige Tochter, die selbst schon Mutter von drei kleinen Kindern war, plötzlich infolge eines Herzschlages verstarb. Die Versorgung der Kinder und des kranken Mannes nahm sie wortlos auf sich, doch den Schmerz über den jähen Tod dieses Kindes hat sie nie ganz verwinden können. Auf dem Sterbebett galten ihre letzten Worte der so früh Verstorbenen. Noch in ihrem höchsten Alter hielt sie die Verbindung mit den verwaisten Kindern unter den größten Schwierigkeiten aufrecht. Der Tod Vaters traf sie auch schwer, ebenso viel Leid hatte sie um den Enkel Franz, der zwanzigjährig in Frankreich den Heldentod fand. Bei allen schweren Schlägen verlor sie jedoch den Mut nicht. Ungebeugt und voll Gottvertrauen nahm sie wieder ihr Tagewerk auf.

Meine Mutter war geistig äußerst rege und noch in ihrem hohen Alter die beste Rechnerin in der Familie. Das große Einmaleins beherrschte sie spielend. Die in ihrer Jugend gelernten Gedichte, darunter Schiller's "Glocke", vermochte sie noch fließend aufzusagen. Mit der Feder wußte sie gut umzugehen. Vor der sonst bei alten Leuten üblichen Scheu bei jeder Schreibarbeit war sie frei. Gewandt und treffsicher wußte sie jeden Brief zu beantworten. Abends fand sie immer noch Zeit, wenn auch nur für ein Viertelstündchen, die neuesten Nachrichten in der Tageszeitung zu lesen. Vater griff selten zur Zeitung, er begnügte sich mit dem, was Mutter ihm vorlas.

Mutter, die es mit der Ordnungsliebe nicht so genau nahm, die auch mal gerne eine fünf gerade sein ließ, hielt wohl sehr auf pünktliches Einhalten der Mahlzeiten. Über ihre Arbeit, auch oft außerhalb des Hauses, vergaß sie nicht, das Essen zeitig zuzubereiten. Dabei war das nicht immer leicht. Aus Wenigem verstand sie es, ein schmackhaftes Essen zu richten. Sie war eine echte Mutter, an sich dachte sie nie, das Geringste genügte ihr. Für uns Kinder war sie immer da, bei unseren kleinen Nöten wußte sie stets Rat und Hilfe.

Leider hatte ich nicht das Glück, meiner Mutter während der letzten Jahre nahe zu sein. Pfingsten 1944 waren wir zum letzten Mal zusammen. In diesem Jahr rückte der Krieg in unsere Heimat. Mutter mußte ihr Häuschen, in dem sie 80 Jahre lang gelebt hatte, verlassen. Mittellos, ohne die geringste Habe suchte sie ein Unterkommen in der Fremde. Als sie nach Jahresfrist zurückkam, stand sie fassungslos vor den Trümmern ihres kleinen Anwesens. Bei ihrem Sohn Christian lebte sie dann. Doch jeder Kirchenbesuch, bis zuletzt ließ sie sich nicht davonabhalten, führte sie an dem zerstörten Haus vorbei. Wie oft mag sie wehmutsvoll nach der Stätte zurückgeblickt haben, auf der sie geboren wurde, auf der sie als Kind spielte, die ihre Jugend sah und ihre spätere Heirat erlebte. Als sorgenvolle und doch glückliche Mutter schaltete und waltete sie hier in der Vollkraft ihrer Jahre. Sie sah ein Kind nach dem anderen seinen eigenen Weg gehen, bis sie als alte Frau allein stand.

Als ich im September 1948 aus der Gefangenschaft zurückkehrte, konnte ich meine Mutter nur noch am Grabe aufsuchen. Ende 1946 war sie verstorben. Ein Leben, dem ein gerüttelt Maß an Arbeit, an Sorge und Leid Sinn und Inhalt gegeben hatte, war zu Ende gegangen.

Aus meiner Kindheit und Schulzeit

Es gibt Leute, deren Kindheitserinnerungen in das vierte, sogar in das dritte Lebensjahr zurückgehen. Da bin ich etwas rückständiger. Meine früheste Erinnerung fällt mit meinem ersten Schultag zusammen. Ganz deutlich erinnere ich mich, daß ich während der Pause nach Hause lief, mich hinter dem Ofen versteckte und trotz der Vorstellungen meiner Mutter an diesem Tage nicht mehr zum Schulbesuch zu bewegen war. Am nächsten Tag brachte Mutter mich wieder hin. Es ging dann auch gut; der kleine Sohn hatte zum ersten Male gelernt, sich zu fügen. Nun vollzog sich der weitere Schulbesuch ohne Zwischenfälle. Das Lernen fiel mir leicht. Die Hausaufgaben waren im Nu gemacht. Mutter sah hin und wieder einmal nach, der Vater nie.

Unsere meiste Freizeit gehörte dem damals aufkommenden Fußballspiel. Mit voller Begeisterung jagten wir dem selbstgefertigten Ball nach. Aber auch die übrigen Kinderspiele wurden eifrig betrieben. Im Alter von 10 bis 11 Jahren mußte ich die Ziegen zur Weide treiben. Hierbei vergaßen wir das Spiel natürlich auch nicht. Ungetrübt verlief die schöne Zeit, bis die Schulentlassung die große Wendung brachte.

Im Dezember des Kriegsjahres 1917 wurde ich vorzeitig aus der Schule entlassen. Man brauchte Arbeitskräfte, auf die kleinste Hilfe griff man zurück. Mit 13 Jahren und 5 Monaten marschierte ich morgens um 6 Uhr zur Waggonfabrik Talbot, um mich in der Kunst des Lackierens zu üben. Meine Arbeit bestand darin, daß ich Eisenteile mit einer teerartigen Farbe bestrich. Es war eine anstrengende und schmutzige Arbeit, die mir bald zuwider war. Nach acht Wochen fand ich die Zustimmung der Eltern als Klempner und später als Drucker-Lehrling Aufnahme in der Rheinischen Metallwarenfabrik. Auf Veranlassung meines Vaters nahm ich nach einem Jahr als Metalldrucker bei der Firma Thomas Arbeit. Der Grund für diesen Wechsel lag darin, daß ich bei dem ältesten Sohn der Firma dann und wann in der Mittagspause im Trompetenblasen unterrichtet werden sollte. Nach Vaters Wunsch sollten alle seine Söhne musikalisch ausgebildet werden.

Von meinem ältesten Bruder war ich in die Anfangsgrundsätze des Violinspiels eingeweiht worden; mein Bruder Franz gab mir die erste Anleitung zum Blasen der Trompete. Die bei Wilhelm Thomas erhoffte weitere günstige Ausbildung blieb aus. Es kam nur zu wenigen Unterrichtsstunden, weil er fast ständig unterwegs war und später ganz aus dem Betrieb ausschied. Ich ging zurück zur Rheinischen Metallwarenfabrik und nahm Musikunterricht beim ersten Trompeter des Städtischen Orchesters in Aachen. 1922 wurde ich arbeitslos, nahm dann später bei der Bauverwaltung des EBV 4 als Handlanger Arbeit. Vorübergehend versuchte ich mich auch als Maurer bei dem Hastenrather Baumeister Conrads. 1925 gab es wieder Arbeit bei der Rheinischen Metallwarenfabrik, die kurze Zeit später aber den Betrieb für immer schloß. Danach betätigte ich mich als Schlosser und Hilfsmonteur bei einer Montagefirma, die neue Anlagen auf der Gewerkschaft Zukunft ausführte. Auch das ging zu Ende.

Die wirtschaftliche Not wurde damals immer größer, die Arbeitslosenziffern gingen in die Millionen. Die Möglichkeit, einen festen Arbeitsplatz zu bekommen, wurden von Jahr zu Jahr aussichtsloser, mein Wunsch dagegen, eine gesicherte Stellung zu erreichen, immer brennender. Während der letzten Jahre hatte ich mich in der Musik soweit fortgebildet, daß ich es zu einer gewissen Leistung auf der Trompete gebracht hatte. Dem Rufe zweier Kameraden folgend, die den Weg vor mir gemacht hatten, bewarb ich mich um Aufnahme in die Kapelle des Infanterie-Regiments 18 in Münster in Westfalen. Das Probespiel nahm einen befriedigenden Ausgang, und so trat ich am 8. Oktober 1928 als Militärmusiker in das II. Bataillon des Infanterie-Regiments 18 ein.

Etwas aus meiner Soldatenzeit

Den Entschluß, Soldat zu werden, hatte ich aus zwei Gründen gefaßt. Ich wollte erstens vorwärts kommen, d.h. eine sichere Stellung haben, die mir auch die Möglichkeit späterer Verbesserung gab, und dann war es mein größter Wunsch, einem guten Orchester beizutreten. Beides bot sich mir nun.

Zunächst mußte ich in Detmold eine halbjährliche Ausbildung im Infanteriedienst durchmachen. Während dieser Zeit wurde mir nichts geschenkt, Es war eine harte, aber wertvolle Schule; sie bildete eine feste Grundlage nicht nur des militärischen, sondern des ganzen Lebens überhaupt. Neben dem harten Leben auf dem Kasernenhof lernte ich nun auch etwas von der Schönheit des lippischen Landes kennen, darunter den Teutoburger Wald mit dem Hermannsdenkmal, die Lippische Schweiz und das alte Paderborn. Zum erstenmal machte ich auch mit der berüchtigten, sandigen Senne Bekanntschaft.

Ostern 1929 traf ich in Münster bei meinem Stammtruppenteil ein. Es begann nun ein eifriges Musizieren. Die täglichen Proben unter der guten Leitung des damals in Westdeutschland sehr bekannten Obermusikmeisters Max Cellarius brachten die besten Erfolge. Der dazwischen fallende militärische Dienst nahm nicht viel Zeit in Anspruch und fiel mir nicht schwer. Im Winterhalbjahr nahm die Ausbildung im Nachrichtenwesen etwas mehr Raum ein. Im Herbst 1930 begann für mich der Besuch der Heeresfachschule. Von Oktober bis Mai währte der zunächst wöchentlich fünf Stunden umfassende Unterricht. Da es im Interesse jedes einzelnen lag, sich möglichst gründlich und fortzubilden, arbeitete jeder fleißig mit. Die mit Erfolg abgelegte Prüfung war entscheidend für die spätere Beamtenlaufbahn.

Der Beruf eines Militärmusikers bot gegenüber den Soldaten, die infantristischen Dienst machten, ohne Zweifel Vorteile. Für uns Musiker gab es aber auch Tage, die von jedem das Äußerste forderten. Vielfach begann unsere Arbeit, wenn andere sich dem Vergnügen hingeben konnten. Während der heißen Manövertage mußte jeder bei den täglichen Marschmusiken sein Bestes hergeben. Es folgten dann noch Platzkonzerte, Ständchen und Manöverbälle.

Cellarius war ein ausgezeichneter Geiger. So kam es, daß wir während der Wintermonate fast nur Streichmusik machten. Auf vielen Konzertveranstaltungen lernte ich wohl jede Stadt in Westfalen kennen. Nach Abzug der Besatzungstruppen führte uns manches Konzert auch in eine Reihe rheinischer Städte.

Der übliche Tagesverlauf begann in der Regel um 8 bis 9 Uhr mit der Probe, die von 11 bis 12 Uhr dauerte. Zwei Stunden standen jedem zum eigenen Studium zur Verfügung. Dazu kam eine Stunde Sport oder Schwimmen. Exerzieren mit Parademärschen fand gewöhnlich im geschlossenen Musikkorps freitags von 11 bis 12 Uhr statt.

Nach 1933 trat allmählich auch bei uns eine Änderung ein. In den Jahren 1934-35 wurden die Musikkorps der Wehrmacht immer häufiger in den Dienst der Propaganda gestellt. Sie sollten mit dazu beitragen, den jungen Deutschen die notwendige Begeisterung für den nunmehr zur Pflicht gewordenen Dienst im Heer, bei der Luftwaffe und der Marine zu bringen. Vom kleinen Ordnungsheer, der sogenannten Reichswehr, die einschließlich Marine 100.00 Mann betragen hatte, entwickelte sich die neue deutsche Wehrmacht. In kurzer Zeit überstieg sie das Vielfache dieser Zahl.

Von der Politik blieben wir zunächst verschont. Es kam im Gegenteil wiederholt zu stillen Gegensätzen, da verschiedene Herren der Partei glaubten, in die militärischen Dinge hinein reden zu können. In Punkto Anmaßung waren sie nie engbegrenzt und Hemmungen unterworfen. Militärische Aufmärsche, bei denen die Musik im wahrsten Sinne des Wortes die Hauptsache spielte, Platzmusiken, Winterhilfswerk-Konzerte (WHW) gab es am laufenden Band. Der große Zapfenstreich mußte immer wieder herhalten.

Eine große Änderung ergab sich, als unser Regiment im Zuge der Rheinlandbesetzung durch die deutsche Wehrmacht am 7. März 1936 seinen Standort von Münster nach Aachen wechselte. Das mir anfangs stur erschienene Münster war mir im Laufe der Zeit recht vertraut geworden, zumal ich nach meiner Verheiratung in der Stadt wohnte und dadurch mit mehreren Münsteraner Familien in nähere Berührung gekommen war.

In Aachen gab es zunächst behelfsmäßige Unterkünfte, Grenzsicherungen wurden ausgestellt, überhaupt viel hin und her gemacht und feste auf die Pauke geschlagen. Mit unserer militärischen Stärke war es damals noch nicht weit her, darum mußte umso mehr Lärm gemacht werden. Zu dieser Zeit zählte ich schon zu den älteren Soldaten. Ich wurde im Februar 1937 Feldwebel und hatte damit der Unteroffizierslaufbahn entsprechend den höchsten Dienstgrad erreicht. Alle verfügbare Freizeit war ausgefüllt mit eifrigem Studium. Die Jahre 1938-39 nutzte ich fleißig aus. Der Schulbesuch befriedigte mich, und mit Freude und Zuversicht sah ich dem letzten Dienstjahr entgegen. Das letzte Jahr war nur dem Besuch der Heeresfachschule vorbehalten. Im Oktober 1939 dachte ich mich, frei von militärischem Dienst und der Musiktätigkeit, ungestört der Schularbeit widmen zu können. Doch schon am 1. September brach der Krieg aus und warf alles über den Haufen. Es hieß für mich, die Bücher schließen und zunächst den Traum auf ein baldiges Wirkungsfeld als Beamter zu begraben.

Der Krieg im Westen

Der in Polen mit aller Schärfe beginnende Feldzug berührte uns nicht unmittelbar. Am 4. September rückten wir übungsmäßig, wie wir es schon wiederholt durchgeführt hatten, in die uns soweit schon vertraute Eifel. Kordel war unser erster Quartierort. In Abständen folgten Binsfeld, Wittlich und Ferschweiler. Acht Monate lang warteten wir sozusagen auf den Beginn des Marsches in Frankreich hinein. Während dieser Zeit war ich nicht müßig gewesen. Schon bald ließ ich mir meine Bücher schicken, um das Gelernte nicht einrosten zu lassen. Unser letztes Quartier führte uns nach Obermorschel, einem alten, schönen Dorf in der Rheinpfalz. Von dort aus traten wir am 10. Mai 1940 den Marsch westwärts an. Wir lagen rund 120 km von der Grenze ab; aber schon in den Vormittagsstunden des 12. Mai (Pfingstsonntag) ging es durch Trier und anschließend in Luxemburg hinein. Bis zum 25. Mai wurde marschiert. Wir mußten uns beeilen, den Anschluß an die ständig vorwärts drängenden Panzerdivisionen zu halten. Am Aisenkanal 5 gab es die erste Fühlung mit dem Feind. Fünf bis sechs Wochen lagen wir hier einem ruhigen Feind gegenüber.

Seit 1936 war man davon abgegangen, die Musiker im Nachrichtendienst auszubilden. Sie wurden im Sanitätsdienst mit eingesetzt. Die ruhige Lage brachte für uns keine Arbeit. Oberst Lüttkenhaus, unser Regimentskommandeur, ein Musikliebhaber, ordnete bald an, daß die Instrumente, die wir in Obermorschel zurückgelassen hatten, geholt wurden. Schon nach wenigen Tagen zogen wir von Bataillon zu Bataillon und musizierten kurz hinter den Stellungen munter drauflos. Nicht selten brachten hin und wieder einschlagende Granaten leichte Unordnung dabei.

Als am 10. Juli die große Schlacht in Frankreich begann, setzte in unserem Abschnitt reges Leben ein. Die Franzosen hatten bedeutende Panzerkräfte zusammengezogen und hofften hier, wenn schon kein Durchbruch zu erzielen sei, so doch bestimmt die Front zu halten sei. Der Aufmarsch starker feindlicher Kräfte war uns auch bekannt. Ob es von unserer Führung Verantwortlosigkeit oder Unfähigkeit war, mag dahingestellt sein, jedenfalls erhielt unser Regiment gleich beim ersten Zusammenprall schwerste Verluste. Weit über 500 Mann wurden abgeschnitten und kamen in Gefangenschaft. Unser Regimentskommandeur war außer sich, er gab offen und mit ungeschminkten Worten dem Divisionskommandeur die Schuld, die Panzerjägerkompanie trotz wiederholter Anforderung nicht eingesetzt zu haben. Tatsächlich hatte die Panzerjägerkompanie keinen Einsatzbefehl bekommen. Der Durchbruch wurde dann doch erzielt. Es kam zu keinem weiteren Gefecht mehr, wir hatten nur noch zu marschieren.

Nach dem Friedensschluß mit Frankreich herrschte allgemein die Ansicht, daß es bald gegen England losgehen würde. Alles war jedoch so ungewiß. Im Oktober rechnete man nicht mehr damit. Ein frühes Kriegsende war damit nicht zu erwarten. Da bot sich für aktive Soldaten, die die Abschlußreife für die Prüfung II an der Heeresfachschule erlangt hatten, die Möglichkeit, Wehrmachtsbeamter zu werden. Ich griff zu. Am 10. November 1940 nahm ich Abschied von meinem alten Regimentskameraden und kam nach Wesel zum Ersatztruppenteil. Von dort erfolgte meine Abkommandierung zur Schule nach Münster. Nach der am 10. Februar 1941 erfolgreich abgelegten Prüfung kehrte ich nach Wesel zurück, machte etwas Innendienst und verbrachte einige schöne Urlaubswochen.

Am 14. April 1941 schied ich als Stabsfeldwebel aus und trat am folgenden Tage als Zahlmeisteranwärter meinen neuen Dienst auf der Zahlmeisterei des Infanterie-Ersatz-Bataillons 328 in Aachen an.

Ich wurde Wehrmachtsbeamter

Ein neuer Abschnitt begann für mich. Über zwölf Jahre hatte ich die Uniform getragen, jetzt im Krieg lief ich als Zivilist umher. Dieser Zustand dauerte jedoch nicht lange, schon nach sechs Monaten mußten die Zahlmeisteranwärter in Uniform erscheinen. Bis zum Juli 1942 währte die Ausbildung in Aachen, ein neunmonatiger Besuch der Verwaltungsschule in München folgte, als approbierter Zahlmeister begann dann meine Tätigkeit beim Wehrmachtfürsorge- und –versorgungsamt in Düsseldorf. (Abb. 4, Porträt als Zahlmeister)

Diese neue Arbeit sagte mir zunächst gar nicht zu. Sie war rein bürokratisch, die Fühlung mit der Truppe fehlte ganz. Später fand ich mich damit ab, begrüßte es jedoch, als im Frühjahr 1944 die Arbeit der Verwaltungsfürsorge- und –versorgungsämter von den zivilen Versorgungsämtern übernommen wurden. Ich kam zur Zahlmeisterei einer Panzer-Nachrichten-Abteilung nach Köln. Von dort aus erfolgte am 1. Juli 1944 meine Abstellung als Truppenzahlmeister zur Nachrichten-Abteilung 254, die im Osten im Einsatz war. 6

Die Tätigkeit als Truppenzahlmeister war mir vertraut und sagte mir gleich zu. Leider war zu dieser Zeit sowohl die militärische als auch die wirtschaftliche Lage äußerst schwierig. Seit rund zwei Jahren war das deutsche Heer in ständigen Rückzugskämpfen verwickelt. Der Russe war uns nicht nur vielfach an Menschenmassen, sondern auch an Material überlegen. Unsere Infanterie-Kompanien standen dauernd am Feind; Ablösung gab es nicht. Die Munition wurde knapp, besonders bei der Artillerie, die Luftwaffe unterstützte uns nicht mehr, auf die links und rechts von uns eingesetzten ungarischen Divisionen war kein Verlaß. Verpflegungsmäßig gab es keine Not. Die Verwaltungsstellen der Wehrmacht arbeiteten gut, der Nachschub aus der Heimat versagte bis zum Kriegsende nicht. Der Bedarf an Frischfleisch, Kartoffeln und Gemüse für die Truppe und die Verpflegungsrationen für die Pferde mußten von der Truppe selbst beschafft werden. Diese Aufgabe fiel dem Zahlmeister zu. Bei meiner neuen Einheit handelte es sich um eine Abteilung, die seit Beginn des Ostfeldzuges im Einsatz stand. Die Verpflegungsunteroffiziere und Köche verstanden ihre Sache. Durch die langjährige Erfahrung wußten sie gleich, wo etwas zu holen war, verstanden es, mit den Leuten umzugehen und erreichten immer auf friedlichem Wege ihr Ziel. Meine Arbeit war dadurch sehr erleichtert. Not haben wir jedenfalls nicht gelitten.

Bei meinem Eintreffen hatte die Abteilung sich gerade aus dem großen Kessel von Kamenez-Podolsk heraus gearbeitet. 7 Sechs Wochen lang war die Einheit versprengt gewesen und hatte wieder einigermaßen zusammengefunden. Etwa 40 km ostwärts Stanislau in Polen 8 war der neue Einsatzraum. Schon 14 Tage später mußten wir weiter zurück. Am 20. Juli 1944 – während des Anschlags auf den Führer – marschierten wir rückwärts. In kürzeren oder längeren Abständen ging es immer mehr gegen Westen. Durch Galizien über den Donkla-Pass 9 kamen wir in die Slowakei.

Inzwischen hatte die Lage in Westdeutschland verzweifelte Formen angenommen. Aachen war überrannt. Eschweiler und Düren folgten bald. Damit war seit Napoleons Zeiten der Krieg wieder in deutsches Land gekommen. Meine Familie hatte Zuflucht in der Nähe Nordheims 10 gefunden. Von dort erreichte mich ein Telegramm meiner Frau, das mir die Grundlage für einen zwanzigtägigen Urlaub gab. Ich traf meine Angehörigen gesund an. Sie waren leidlich untergebracht, und der kleine industriefreie Ort würde wohl kein lohnendes Ziel für die gefürchteten Fliegerangriffe sein. Trotzdem verließ ich meine Lieben mit schwerstem Herzen. Das Unglück schien von Deutschland nicht abwendbar zu sein. Ich ahnte allerdings nicht, daß das ein Abschied auf vier lange Jahre sein würde.

Bei meiner Rückkehr zur Truppe traf ich diese wieder an einem anderen Ort. Im Laufe der folgenden Wochen durchquerten wir die Slowakei vom Osten bis zum Westen. Ende Januar wurde unsere Division in Rosenheim 11 verladen und zur Entsetzung Breslaus herangezogen. Leider blieb uns der Erfolg versagt. Kurze Zeit später ging es in die Nähe von Oberglogau 12. Dort war der Russe auch durchgebrochen. Eine SS-Division flutete zurück. Wir versuchten das Loch zu stopfen, es gelang nicht. In drei Tagen verloren wir sämtliche Fahrzeuge mit dem wertvollen Nachrichtengerät. Ich selbst büßte mein ganzes Gepäck ein.

Die Lage war mehr als verzweifelt, das Ende des Krieges und damit die Niederlage unvermeidlich. Unser letzter Einsatzort führte in das Sudetenland und in die Tschechei. In voller Ordnung hielt unsere Division ihre Stellungen bis zum 8. Mai 1945. An diesem Tag ging für uns eine Welt unter. Die unerhörten Strapazen und unmenschlichen Leiden vieler Jahre waren vergebens gewesen; ein nationales Unglück, wie es die Geschichte nicht kannte, brach über unser Volk herein.

Die Bekanntgabe der Waffenstillstandsbestimmungen brachte die völlige Auflösung. Danach sollte die Truppe dort, wo sie stand, in Gefangenschaft gehen. Niemand wollte jedoch den Russen in die Hände fallen, alle drängten nach dem Westen. Auf den Straßen rollten unübersehbare Kolonnen. Motorisierte Fahrzeuge aller Art verstopften die Wege. Dazwischen versuchten bespannte Wagen sich durchzuschlängeln. Die Fußtruppen marschierten auf eigene Faust an den Straßenrändern vorbei. Viele klammerten sich auf den Fahrzeugen fest, sie begnügten sich mit dem unbequemsten Platz. Nur vorwärts!

Am frühen Morgen des 8. Mai stand ich mit meinem IVa-Schreiber 13, dem Verpflegungswachtmeister und dem Kraftfahrer tief in der Slowakei. Unseren Pkw hatten wir am Vortage verbrannt. Die Benzinzufuhr war gestört, Reparatur nicht möglich, aber weg damit. Zwei bespannte Fahrzeuge blieben stehen; sie hatten zum Verpflegungsempfang gedient. Den Pferden gaben wir die Freiheit. Es stand uns nun noch der Drei-Tonner-Lastkraftwagen zur Verfügung. Mit diesem fuhren wir los. Unterwegs trafen wir eine ganze Reihe Angehöriger unserer Abteilung. Wir nahmen alle mit. Die auf dem Wagen geladene Verpflegung und Nachrichtengeräte wurden kurzerhand in den Straßengraben geworfen, um Platz für die Kammeraden zu schaffen. 40 Mann waren es schon. An den Straßen entlang häufte sich das wertvolle Wehrmachtsgut. Umgekippte Autos, zerstörte Panzerwagen und Geschütze, Gewehre, Munition, Verpflegung, Sanitätsgerät, alles lag wahllos durcheinander. Immer mehr kam hinzu. In den Nachmittagsstunden schien kein Fortkommen mehr zu sein. Alle fuhren rücksichtslos weiter. Es kam zu Zusammenstößen und Straßenverstopfungen. Mit dem großen Fahrzeug kamen wir nicht mehr durch. Der Wagen wurde einfach an einer abschüssigen Grabenböschung herabgetrieben; beim Sturz überschlug er sich zweimal. Nun ging es zu Fuß truppweise weiter. Zu Fünfen blieben wir zusammen, marschierten bis in die Nacht hinein und schliefen in einem Waldstück ein paar Stunden. Beim Erwachen zeigte sich auf den Straßen noch dasselbe Bild. Bis jetzt hatten wir vom Russen noch nichts gesehen. Da sahen wir an einer Straßenkreuzung russische Panzer. Wir umgingen sie, vermieden jetzt jedes Dorf und hielten uns möglichst in den leider nur spärlich vorhandenen Waldstücken auf. So ging es den Tag und auch die Nacht durch. Am nächsten Morgen dasselbe, nur tauchten jetzt immer mehr Tschechen auf, die sich mit den weggeworfenen Gewehren und Pistolen bewaffnet hatten und den Russen halfen, die überall umherfliehenden Deutschen zu fangen.

Unser Ziel war die Moldau, dort sollte die Trennungslinie zwischen den Amerikanern und Russen sein. 50 km waren es noch bis dorthin. Wir schafften es nicht. Unweit der Stadt Bebeschau 14, Beneschau überraschte uns ein Haufen Tschechen, als wir in einem kleinen Waldstück die Reste unserer Verpflegung verzehrten. Ein Entrinnen war nicht möglich. Mit Gewehren, Pistolen und Handgranaten bedrohte man uns. Wir mußten zur Landstraße und uns den übrigen Gefangenenkolonnen anschließen. Die Hoffnung auf ein Entkommen gaben wir aber noch nicht auf. Zwei Tage und Nächte lagen wir auf dem Sportplatz in Benerschau Beneschau, dann ging es in einem großen Haufen ab. Alles sollte nach Deutsch-Brod 15. Mehrerer Tage mußte der Marsch dauern. Einige Tage waren wir schon unterwegs. Am 16. Mai morgens beschlossen wir, in der kommenden Nacht zu fliehen. Da stießen gegen Abend wieder einige Haufen gefangener Deutscher zu uns. Völlig ausgeplündert, teilweise ohne Kopfbedeckung, kamen sie an, und zwar von Amerikanern. Wir wollten es nicht glauben. Weit über der Demarkationslinie waren sie von den Amerikanern gefangengenommen und wenige Tage später an Russen übergeben worden. Damit war die Flucht für uns sinnlos.

Inzwischen waren die Russen immer zahlreicher geworden, die Bewachung hatte man verschärft, und ein Entrinnen wurde schwieriger und gefahrvoller. Trotzdem versuchten immer wieder einzelne Kameraden auszubrechen. Mancher wurde dabei erschossen. Ohne Beherrschung der tschechischen Sprache war ein Entkommen, auch wenn man die Bewachung schon hinter sich hatte, kaum denkbar. Die rachsüchtigen Tschechen waren an diesen Tagen wie besessen. In gemeinster Weise ließen sie ihre Wut an den unschuldigen Gefangenen aus und sorgten dafür, daß keiner entkam. Unmenschliche Szenen spielten sich ab. Erschüttert mußten wir mit ansehen, wie deutsche Frauen mit ihren Kindern planlos umherirrten. Ähnlich mochte es auch in der Heimat zugehen. Für uns Soldaten war es unsagbar bitter, diesem Leid tatenlos gegenüberzustehen.

Niemals werden die Deutschen, die dabei waren, diese Tage vergessen, und ewig werden sie die Tschechen meiden.

In Groß-Meseritz 16 verbrachten wir Pfingsten. Nach acht Tagen marschierten wir weiter nach Deutsch-Brod. Im ehemaligen deutschen Lazarett waren 20 bis 30.000 Gefangene zusammengetrieben. Von dort gingen laufend Transporte ab. Nach etwa 14 Tagen war ich auch dabei. Die traurigste Fahrt meines Lebens begann: die Fahrt in die Gefangenschaft.

Vierzig Mann waren in jedem 18-Tonner-Güterwagen zusammen gepfercht. Gleichzeitig konnten sich nicht alle auf den Boden legen, wenigstens nicht auf dem Rücken. Wenn sich einer drehte, mußten alle diese Bewegung mitmachen. Es war Mitte Juni. Wir fuhren durch Ungarn und Rumänien. Nachts fror man empfindlich, über Tag war die Hitze kaum zu ertragen. Als Verpflegung erhielten wir morgens und abends einen Trinkbecher voll dunkler Flüssigkeit, in der vereinzelte Mehlbröckchen schwammen. Dazu gab es für den Tag eine Handvoll getrocknetes Brot.

Drei Wochen währte die Fahrt. Fünf Tage vorher war das Brot alle geworden. Da gab´s nur zwei Becher Suppe. Das russische Begleitpersonal hatte die für den Transport vorgesehene Verpflegung zum größten Teil unterschlagen und verkauft. In dieser Zeit war die Not überall zu Hause. Gierige Hände griffen stets zu. Für ein Brot gaben die Gefangenen die bisher versteckt gehaltenen Uhren und Ringe her. Während des Transports waren Ausplünderungen durch die russischen Posten an der Tagesordnung. Hinter Offiziersstiefeln waren sie her wie verrückt. Ich trug glücklicherweise Schuhe und blieb somit ungeschoren. In der rumänischen Stadt Ramdikul-Sarrath 17, unweit der russischen Grenze, kamen wir noch für 14 Tage in ein Lager. Während der Zeit gab es täglich Erbsensuppe mit verdorbenem Büchsenfleisch. Von dort aus ging es dann auf der russischen breiten Bahnspur weiter.

Auf der nun folgenden Fahrt erlebten wir dasselbe wie vorher. Unsere Verpflegung verschwand wieder zum größten Teil. In Rußland war die Not vielleicht noch größer als in Europa. Russische Kinder bettelten uns Gefangene an.

Eine Eisenbahnfahrt in Rußland ist eine Geduldsprobe. Zeit spielt keine Rolle. Alle Strecken sind eingleisig, und überall gibt´s stundenlanges Warten, wenn Züge überholen oder entgegenkommende vorbei müssen. Die Gefangenentransporte kamen erst in letzter Linie dran.

Ende August erreichten wir dann doch endlich unser Ziel. Niemand wußte zunächst, wo wir waren. Während der Fahrt war nichts festzustellen gewesen. Durch das kleine, vergitterte Waggonfenster und durch die Spalten in den Seitenwänden war nichts erkennbar geworden. Schlapp und heruntergekommen kamen wir in dem neuen Lager an. Es hieß Dynas. Wie wir später erfuhren, befanden wir uns im Ural, etwa 40 km nördlich von Swertlof 18, dem früheren Katharinenburg 19, in dem die Zarenfamilie 1917 20 ermordet wurde. 50 km weiter begann das gefürchtete Sibirien.

Wir waren mitten in einem Industriegebiet, das während der letzten Jahre aufgebaut wurde. Es gab hier Steinkohlen- und Kupfergruben. Die 500 Mann starke Belegschaft unseres Lagers war zur Arbeit auf einer Ziegelei vorgesehen. Wir blieben von der Grubenarbeit verschont. Unser Lager setzte sich aus 350 Ungarn und 150 Deutschen zusammen. Die Ungarn waren tonangebend. Sie waren besser vertraut mit der russischen Sprache, verstanden es vorzüglich, sich beim Russen lieb Kind zu machen und für sich mancherlei Vorteile zu verschaffen. Meist auf Kosten der Deutschen. Lagerverwaltung, Küchenbesatzung, Verteilung der Verpflegung, Arbeitseinsatz waren Sachen der Ungarn. Anfangs hieß es immer, Offiziere brauchen nicht zu arbeiten. Das änderte sich schon nach einigen Tagen. Die Offiziere, 50 ungarische und 20 deutsche, mußten im städtischen Bunker Kartoffel auslesen. Diese Tätigkeit brachte uns wenigstens reichlich Pellkartoffel ein.

Zum ersten Mal kam ich mit russischen Menschen in Berührung und lernte ihr tägliches Leben kennen. Alles war arm und dürftig. Kinder und heranwachsende Jugend waren verhetzt. Auf dem Wege zur Arbeit mußten wir uns ihre Schmährufe gefallen lassen. Die älteren Leute waren zurückhaltender. Man traf anständige, aber auch solche, die in gemeinster Weise ihren Hass gegen uns zeigten. Ende Oktober wurde das Lager Dynas aufgelöst. Optimisten glaubten schon, Weihnachten zu Hause zu sein. Diesen Glauben versuchten sie, anderen einzureden. Niemals gingen so reichlich die Parolen um wie in der Gefangenschaft. Die unsinnigsten Gerüchte machten die Runde. Der Russe streute sie mit Absicht aus. Im Lügen war er ganz groß. Mißtrauig und verlogen, wie er selbst, waren nach seiner Ansicht alle anderen auch. Er traute niemandem, weder seinen eigenen Landsleuten, viel weniger natürlich noch uns Gefangenen.

Unser gesamtes Lager siedelte am 20. Oktober nach dem Dok-Lager über. Dort traf ich verschiedene Kameraden von Deutsch-Brod, auch zwei von meiner alten Division. Das Lager war jetzt 2.000 Mann stark. Fast alle waren in der Kupferindustrie eingesetzt. Das aus dem 15-km entfernten Bergwerk hergeführte Kupfererz wurde hier gemahlen, geschlämmt, getrocknet und den Hochöfen zugeleitet. Die tägliche Produktion fast reinen Kupfers betrug 30 bis 40 Tonnen.

Deutsche und ungarische Brigaden arbeiteten getrennt. Die deutschen Offiziere waren teils als Brigadiere, teils als Arbeiter auf den Fabriken eingesetzt. Den Rest der 150 Mann starken Offizierskompanie – es waren noch 50 bis 60 – hatte man zu einem Waldkommando zusammen gezogen. Am 22. Oktober rückte ich zum ersten Mal mit diesem Haufen aus.

Morgens um 6.30 Uhr Abmarsch bei einer Kälte von 30 bis 40 Grad minus, eine Stunde Weg bis zur Station, um 8 Uhr eine klapprige Fahrt von 8 km auf zwei Plateau-Wagen, die von einer Draisine gezogen wurden. Dann von der Endstation aus noch 50 Minuten weiter bis zum Arbeitsplatz. Unsere Arbeit bestand darin, das im Sommer geschlagenes Holz aus den Waldstücken heraus bis zur Straße zu bringen. Zunächst mußte immer ein Weg durch den meterhohen Schnee geschaufelt werden. Je nach der Stärke wurden die zwei Meter langen Stämme von zwei, vier oder sechs Mann zur Straße geschleppt. Bis vier Uhr ging die Arbeitszeit. Zwischendurch wärmten wir uns an einem Holzfeuer auf, wenn es der Posten zuließ.

Der Rückmarsch war schwieriger. Abends waren die Wagen mit Holz beladen, wir mußten obenauf klettern uns irgendwie Halt verschaffen. Um fünf Uhr sollte die Rückfahrt beginnen; sechs Uhr wurde es gewöhnlich, nicht selten auch 7 bis 8 Uhr. Völlig durchfroren und ausgehungert erreichten wir spät das Lager. Über Tag gab´s kein Essen. Die kalt gewordene Mittagssuppe wurde mit der Abendsuppe verschlungen, dazu die Brotportion. Das Ganze reichte auch nicht annähernd zum Sattwerden.

Den Heiligen Abend 1945 wird niemand von uns vergessen. Am Morgen war die Bahnstrecke verschneit, so daß die Maschine nicht durchkam. Wir mußten schaufeln. Mit dem russischen Arbeitsleiter hatte unser Brigadier, Major Trams, vereinbart, daß wir nach Freilegung der Gleise zum Lager marschieren dürften. Wir hielten uns etwa daran und konnten gegen drei Uhr abrücken. Das zehn Km entfernte Lager hofften wir um halbsechs zu erreichen. Wir wollten doch ein bißchen Weihnachten feiern! Es kam anders. Halbwegs rollte uns der kleine Zug entgegen. "Der holt uns ab!" riefen verschiedene. Das traf allerdings zu, nur ging es nicht in Richtung Lager, sondern zur Endstation. Dort mußten wir die beiden Platon-Wagen hoch mit Holz beladen. Eine Arbeit von mindestens 2 bis 3 Stunden. Dann Rückfahrt und Rückmarsch, vor 9 Uhr konnten wir nicht im Lager sein. In der Dunkelheit mühten wir uns ab, die Holzstämme unter dem Schnee hervorzuziehen und mühsam zum Waggon zu schleppen. Endlich war es doch geschafft. Wir bestiegen den seit einigen Tagen angeschlossenen Güterwagen, auf dem wir uns mit 60 Mann zusammenpferchen mußten.

So fuhren wir am Heiligen Abend durch den tiefverschneiten Ural. Der Ärger über die unerhörte Ausnutzung hatte sich in lauten Schimpfworten Luft gemacht. Jetzt war er verflogen. Alles war still geworden. Nicht mal am Heiligen Abend gönnte man uns Ruhe. Jeder war mit seinen Gedanken zu Hause. Da hielt Major Trams eine kleine Ansprache und wir sangen unser Lied: "Stille Nacht, heilige Nacht". Es war auch alles zu traurig. Wir konnten uns kein Bild von der Heimat machen, und unsere Angehörigen wußten nichts von uns. Keine Nachricht kam zu uns, keine ging zu unseren Liebsten. Es war einfach trostlos.

Lange konnten wir unseren Gedanken nicht nachhängen. Ziemlich schnell fuhren wir in eine abschüssige Kurve hinein. Da ging ein Zittern durch den Zug, und plötzlich wurden wir mit großer Wucht in den vorderen Teil des Wagens gepreßt. Starke Erschütterungen setzten ein, der Wagen schwankte hin und her. Es gab ein fürchterliches Gepolter. Die Bremsen kreischten auf, dann standen wir. Was war geschehen? Bald sahen wir es: Lokomotive und letzter Wagen waren entgleist. Zirka 100 Meter waren wir weiter gerast, die locker gelegten Schwellen auseinandergerissen, die Schienen verbogen.

Das Unglück ereignete sich an der Stelle, wo wir während des Tages geschaufelt hatten. Um 8 Uhr abends standen wir also dort, wo wir morgens mit der Arbeit begannen. Mit 60 Mann dachte man, das zu schaffen. Der Holzwagen sollte entladen und dann in die Schienen gehoben werden. Das ging zur Not. Aber die schwere Lokomotive, dazu die verbogenen Gleise. Nach Ablauf einer halben Stunde sahen die Russen die Sinnlosigkeit ihrer Forderung ein. Wir konnten abmarschieren. Kaum aber waren wir einen Kilometer weit, da brach einer von uns zusammen. Zwei Mann mußten ihn schleppen. Das war gar nicht so einfach. Durch den hohen Schnee war ein schmaler Pfad getreten. Alles ging im Gänsemarsch hintereinander. Die beiden, die den erschöpften Kameraden stützten, mußten durch den an den Seiten liegenden hohen Schnee waten. In ganz kurzen Abständen wurde abgewechselt. Endlich erreichten wir die Bahnstation. Die Posten telefonierten zum Lager; dann kam nach geraumer Zeit ein Schlitten und lud den bewußtlosen Kameraden auf. Beim Schleppen waren ihm die Knöpfe vom Mantel abgerissen worden, die Handschuhe hatte er verloren. Dadurch waren ihm die Hände im höchsten Grade erfroren.

Wir trotteten zum Lager, die Uhr zeigte 12.35, als wir durch das Lagertor wankten. Eisigkalte Suppe erwartete uns. Die Stubenkameraden lagen im tiefen Schlaf. Fröstelnd und völlig erschöpft krochen wir unter unsere Mäntel. Das war der Heilige Abend 1945! Am nächsten Morgen ging es zur gewohnten Stunde wieder los. Was kannte der Russe von Weihnachten! Nichts! Er lachte uns aus, als wir um Arbeitsruhe für diesen Tag baten. Er kennt als Feiertage nur den 1. Mai und die Gedächtnistage der Oktoberrevolution. Zu der körperlichen Not kam die Sorge um Frau und Kinder in der Heimat, die viele während der kurzen Ruhestunden um den Schlaf brachte.

Anfang Januar wurde für die Kupferhütte eine zwölf Mann starke Brigade aufgestellt. Ich war dabei. Die Arbeit war schwer; wir mußten die noch glühenden Kupferbarren transportieren, wiegen und verladen. Aber wir waren unter Dach, und die Arbeit verlief regelmäßig. Im Mai 1946 war ich körperlich soweit herunter, daß ich für zwei Monate mit leichter Arbeit im Lager beschäftigt wurde. Dann kam ich wieder zur Hochofenbrigade. Da trat im September der Fall ein, der den gesamten Einsatz der Offiziere änderte.

Damals sah es so aus, als ob die Gefangenschaft nie zu Ende gehen würde. Dem verlogenen Russen war kein Wort zu glauben. Düster lag die Zukunft vor uns. Da entflohen aus unserem Lager ein Offizier und zwei Mann. Es gab größte Aufregung. Wenige Tage später versuchten ein Oberleutnant mit ebenfalls zwei Mann ihr Glück in der Flucht. Trotz der 4.000 km zur Heimat unternahmen sie das Wagnis. Die russische Lagerführung raste. Die Flucht von Kriegsgefangenen wurde furchtbar streng geahndet. Die schuldigen Posten erhielten schwerste Strafen; das ganze Lager wurde unter stärkstem Druck gesetzt. Von den Entflohenen griff man später zwei auf, die grausam verprügelt wurden. Von den Offizieren hörte man nichts mehr. Als Maßregelung stopfte man alle Offiziere in einer Arbeitskolonne zusammen. Allen wurden die Haare geschoren. Unter starker Bewachung wurde unser Haufen bei der Kartoffelernte eingesetzt; dann zu Erdarbeiten und später zum Ausladen der Waggons. Mit der zunehmenden Kälte wurde unsere Arbeit schwerer. Im Februar 1947 kam ich als Dystrophiker ins Lazarett. April und Mai war ich Spieß der Offiziers-Kompanie, ging dann wieder mit nach draußen. Ich arbeitete als Maurer, avancierte dann zum Stuckateur. Ende des Sommers war ich körperlich wieder völlig herunter. Auf Verwendung des deutschen Arztes kam ich in die Brotschneiderei. Die täglichen Brotportionen mußten für jeden einzelnen geschnitten und genau gewogen werden. Das war viel Arbeit, aber ich konnte mich drei Wochen lang satt essen. Diesen Vorzug hatte ich während der ganzen Gefangenschaft bisher nicht gehabt.

Es war Ende 1947 geworden. Die Offiziere wurden nicht mehr zu einer Brigade zusammengehalten, sondern waren im Laufe der letzten Monate nach und nach auf die übrigen Arbeitskommandos aufgeteilt worden. Ich kam zu einem Kommando, dessen Aufgabe es war, für eine Zentralheizung Kohlen von draußen in die Nähe der Heizkessel zu transportieren.

Das ging bis zum April. Trotz der schweren Arbeit hatte ich die Zeit gut hinter mir gebracht. Am 15. November 1947 hatte man in Rußland eine Währungsreform durchgeführt. 21 Bis dahin war das Brot nur auf Karten ausgegeben worden; wir konnten nun auf dem schwarzen Markt kaufen; das Kilogramm kostete 30 bis 40 Rubel, für uns unerschwinglich. Von dem jetzt markenfrei zum Preise von 3,20 Rubel ausgegebenen Brot konnten wir uns nun auch hin und wieder ein Stück kaufen. Leider hörte das Mitte Februar wieder auf. Man konnte gar nicht so viel Brot, wie verlangt wurde, liefern; es wurde erneut rationiert, und der Brotschacher begann wieder. Ende April wurde unser Lager aufgelöst. Die Mehrzahl, darunter auch ich, kam zu dem Nachbarlager Rewda. Die Unterbringung war dort besser. Wir lagen in neuen Steinbaracken, die völlig frei von Wanzen waren. Diesen Vorzug hatte ich während meiner Gefangenschaft noch nicht gehabt; wie erlöst waren wir. Arbeit gab es für uns am Neubau. Ich gehörte einer Gruppe an, die Fundamente ausbetonierte. Nach vier Wochen kam ich zu den Stuckateuren und hatte es dadurch etwas leichter.

Auf Grund einer Abmachung der vier Außenminister Frankreichs, Englands, der USA und der Sowjet-Union war man damals übereingekommen, alle Kriegsgefangenen bis Ende 1948 zu entlassen. Viele glaubten fest daran, der Russe redete uns das auch immer wieder ein; aber wer traute ihm denn? Ich nicht. Jetzt ist 1948 fast vorbei, und noch längst sind nicht alle Kriegsgefangenen aus Russland zu Hause.

Am 13. Juli 1948 wurde bei uns ganz plötzlich ein großer Transport zusammengestellt, der noch am gleichen Tag abging. Schnell entstanden die gern geglaubten Parolen. Es sollte zu einem neuen Arbeitseinsatz gehen, dann war ein Erholungslager das Ziel. Die Optimisten wollten sogar wissen, es ging in die Heimat. Nach zehntägiger Fahrt landeten wir in Moskau, wurden dort ausgeladen und auf verschiedene Lager aufgeteilt. Die Arbeit begann von neuem. Nach kaum 14 Tagen kam ich mit einer Gruppe, die zum Neubau bestimmt war, in ein anderes Lager: es sollte mein Entlassungslager sein. Das ahnte ich damals allerdings noch nicht. Stur ging das Leben weiter. An unserem elenden Hungerdasein hinter dem Stacheldraht änderte auch die Nähe Moskaus nichts. Der Arbeitsplatz war gleich neben dem Lager; der beschwerliche Marsch, wie wir das im Ural hatten, fiel weg. Dazu war während der kurzen Sommermonate das schönste Wetter; das unsere Arbeit bedeutend erleichterte. Allerdings gab es hier wieder Wanzen. Diesmal in unvorstellbaren Mengen. Die Plage wurde so stark, das wir nachts unser Kopfkissen und unsere Decke nahmen und draußen ein Plätzchen aufsuchten, um wenigstens einige Stunden Ruhe zu finden.

Nach meiner Erfahrung ist Moskau die Hochburg der Wanzen. Alle Kriegsgefangenen, die in der Umgebung der Stadt untergebracht waren, klagten in gleichem Maße darüber. Zwischen den Doppelwänden der Holzbaracken saß die Brut. Alle Bemühungen, der Wanzen Herr zu werden, scheiterten. Nachts, auch bei elektrischem Licht, krochen sie aus allen Ecken hervor und überfielen die Schlafenden. Zu Dutzenden krabbelten sie auf den Kopfkissen herum und versuchten, am Halse ihres Opfers eine Angriffsstelle zu finden. Ein beliebtes Angriffsfeld waren auch die Unterarme und Unterschenkel.

In der Nähe meines Lagers war der Moskauer Flughafen. Ständig war über uns das Brausen der Maschinen. Es erinnerte mich immer wieder an unsere ehemals so stolze und tüchtige Luftwaffe. Unser Leben floß zwar teilnahmslos und stur dahin, es glich einem elenden Trott. Scheinbar schlich alles gedankenlos dahin, und doch arbeitete das Gehirn ununterbrochen. Die Gedanken an die Leistungen unserer Wehrmacht und an die Lieben in der Heimat ließen uns nicht los. Es wollte einem einfach nicht in den Kopf hinein, daß die Arbeit und Opfer der vielen Jahre vergebens gewesen sein sollten. Unvorstellbar schien es, daß in jeder Ecke Deutschlands fremdes Militär zu finden sei. Seit Napoleons Zeiten war das nicht mehr der Fall gewesen, und dazwischen die schweren Gedanken an die Angehörigen, die unter größten Entbehrungen ein kümmerliches Dasein fristen mußten!

Marie-Luise war zehn, Armin drei Jahre alt, als ich 1944 in Imbshausen wegfuhr. Welche Kämpfe mußte meine Frau führen, um das Notdürftigste herbeizuschaffen? Im zweiten Jahr meiner Gefangenschaft durfte ich endlich nach Hause schreiben, erhielt dann auch einige Monate später Nachricht aus der Heimat. Sie brachten mir zwar die Beruhigung, daß Frau und Kinder lebten, aber wirklich Wahres über ihr derzeitiges Leben war aus den kurzen, förmlich gehaltenen Angaben nicht zu entnehmen. Einer mochte auch dem anderen durch betrübliche Mitteilungen das Herz nicht noch schwerer machen.

Einmal geht alles zu Ende. Wann aber würde die Erlösung aus diesem Elend kommen? Wiederholt waren schon einzelne Transporte aus den Lagern abgegangen, die Zahl der Heimkehrer war aber stets so klein gewesen, daß jedem Auserwählten die Mitfahrt wie ein Wunder erschien. Rund vier Wochen war ich in meinem letzten Moskauer Lager, als die Parole über einen neuen Heimattransport aufflammte. Wen traf das Glück?

Mit einer ganzen Anzahl anderer Kameraden mußte auch ich da zum politischen Offizier (Kommissar), um einen kurzen Lebenslauf zu schreiben. Ich maß dem noch keine besondere Bedeutung zu. Die Parole flaute auch wieder ab, man war zu misstrauisch geworden. Doch nach vier Wochen schien kein Zweifel mehr zu bestehen. 92 Mann waren auf der Liste aufgeführt, die beim Transport dabei sein sollten. Eingeweihte taten geheimnisvoll und ließen den einen und anderen Namen fallen. Meiner wurde auch laut. Doch so schnell glaubte ich nicht. Am nächsten Tag gab es schon die erste Abkühlung. Von 92 Mann war man auf 64 gekommen, und als nach einigen Tagen der Transport wirklich abging, waren von unserem Lager 32 Mann dabei. Ich zählte zu diesen Glücklichen. Am 28. August 1948 begann die Fahrt. Beim Abschied aus dem Lager spielten uns einige Kameraden auf Geige und Akkorden das Lied: "Muß i´denn, muß i´denn zum Städele hinaus…" Der kurze Marsch führte auch an unserer Arbeitsstelle vorbei, wo uns die dort beschäftigten Kameraden von Dächern und Gerüsten aus den letzten Gruß zuwinkten. Wie gern wären sie mitgefahren!

Die Tage der Fahrt vergingen uns wie im Traum; aber ganz frei fühlten wir uns da noch nicht. Zu lange hatte man uns festgehalten und zu tief war das Misstrauen gegenüber den Russen. Die Fahrt ging echt ruhig vor sich. Auf jeder Station gab es oft stundenlanges Warten.

Endlich erreichten wir Brest, die letzte Stadt auf russischem Gebiet. Von dort ab ging die Fahrt durch Polen bis Frankfurt/Oder. In Brest hatte mancher noch tüchtig Herzklopfen. Wir erfuhren, daß man von dem vorherigen Transport über 50 Mann zurückgehalten und sie zum Arbeitseinsatz in einem benachbarten Lager überwiesen hatte. Manchem rutschte das Herz in bedenkliche Tiefe. Als wir schon zur Weiterfahrt unsere Plätze eingenommen hatten, holte man noch fünf Mann aus dem Zug, darunter aus unserem Wagen einen Hauptmann. Die Fahrt durch Polen ging ziemlich schnell. Häufig fuhren wir an arbeitenden Gefangenenkolonnen vorbei. Mit brennenden Augen starrten die Kameraden unserem Transport nach.

Mitten in der Nacht erreichten wir Frankfurt. Ungekämmt ging es zum russischen Entlassungslager. Am laufenden Band wickelten sich ärztliche Untersuchungen, Baden und Entlausung ab. Um die Mittagszeit des folgenden Tages marschierten wir vom russischen Entlassungslager zum deutschen Lager Gronenfeld 22. Jetzt war es Wirklichkeit geworden: Nach jahrelanger Bewachung waren wir frei, kein Posten trieb uns an; wir waren der russischen Gewalt entronnen und wieder Menschen. Man sollte nun meinen, daß sich unsere Gefühle in überlauter Freude Luft gemacht hätten. Das war jedoch nicht der Fall. Wir standen nun unmittelbar vor der so lange erhofften und auch wieder gefürchteten Frage: wie treffen wir unsere Angehörigen an, wie sieht´s wirklich in der Heimat aus? Findet man auch Arbeit? Ich war Berufssoldat gewesen und volle 20 Jahre aus dem Zivilleben heraus; was gab´s mit mir? Zunächst überwog die große Freude, die Lieben zu Hause bald begrüßen zu dürfen, die bangen Fragen. Anderen Tags fuhren wir bis Erfurt. Dort wurden die Kameraden der russischen Zone in ihre Heimat entlassen; die Kameraden der britischen, amerikanischen und französischen Zonen fuhren gruppenweise westwärts. Bei Heiligenstadt verließen wir die Ostzone, nahmen für eine Nacht Quartier in Friedland 23 und erreichten einen Tag später das Entlassungslager Münster in Westfalen.

In der Frühe des 15. Septembers 1948 stand ich nur wenige Hundert Meter von der Kaserne entfernt, in der im Oktober 1928 mein Soldatenleben begonnen hatte. Was hatte sich in diesem Zeitraum nicht alles ereignet? Von der kleinen Reichswehr aus begann der Weg steilaufwärts bis zur großdeutschen Wehrmacht, um dann nach dem bitteren Kriegsende zum tiefsten Fall zu führen. Sieben Jahre hatte ich in Münster gelebt; jede Ecke in der Stadt war mir vertraut. Sorgenfrei und glücklich war die Zeit gewesen, besonders glücklich, als meine Frau 1934 zu mir kam und Marie-Luise geboren wurde. Und nun fuhr ich in abgerissenem Zeug durch die alten Straßen. Der Freude über das Wiedersehen mit meiner ehemaligen Garnisonsstadt war ein reichlich bitterer Tropfen beigemischt.

In den Nachmittagsstunden ging die Fahrt durch viele bekannte Städte. Über Düsseldorf, von Aachen kommend, traf ich abends gegen zehn Uhr auf dem kleinen Bahnhof in Nothberg ein, freudig begrüßt von Frau und Kindern. Es war der 15. September 1948