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Haro von Laufenberg (2020):

Der "Blaue Tod": Das Cholera-Kreuz in Mausbach

Ein Beitrag zur Wirkung der Cholera-Epidemien im alten Landkreis Aachen

In der Stolberger Ortschaft Mausbach, Rothe Gasse/Ecke Derichsberger Straße, ist 2003 eine Nachbildung des 1929 erneuerten dortigen Cholera-Kreuzes von 1842 aufgestellt und vom Pfarrer eingesegnet worden. Es erinnert an die Cholera-Panik im 19. Jahrhundert, in der die Einforderung sozialer Gerechtigkeit an Kraft gewann, mit der aber auch der in unsere Zeit nachwirkende Rassismus begründet wurde. Es mahnt zugleich, wie sehr der Mensch von seiner natürlichen Umwelt abhängig ist und Änderungen derselben sich unmittelbar auf den Menschen auswirken.

Der Aufsatz gibt einen Überblick über die großen Seuchen im Aachener Raum, beleuchtet dann die Cholera-Epidemien insbesondere in der Bürgermeisterei Gressenich (heute Stadt Stolberg, Rhld.) mit dem dort geologisch bedingt unterschiedlichen Verlauf in den Ortschaften, und schließt mit einer kurzen Darstellung der wetterbedingten Ursache und den sozialen Folgen der Cholera-Pandemie.

(Verfasst für einen Almanach zu den Sehenswürdigkeiten der ehemaligen Gemeinde Gressenich)

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Seuchen und soziale Ungleichheit

Die Betrachtung der Geschichte führt verschiedentlich zu dem Schluss, dass es zu Minderungen sozialer Ungleichheit nur durch massierte Gewalt gekommen ist. Gewalt meint dabei nicht nur Kriege und Revolutionen, sondern auch Desaster wie Pandemien, die tatsächlich Umverteilungen bewirkten.

Zunächst erzwang die Pest im 14. Jahrhundert, der "Schwarze Tod", der ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinraffte, Verhandlungen der Eliten und für 150 Jahre egalitärere Zustände als zuvor. Die Pest-Jahre 1348/49 werden zuweilen als Scheidemarke für die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit angesehen. In den folgenden Jahrhunderten trat die Pest immer wieder auf, im Aachener Raum zuletzt 1670, 1713 noch ging eine Bedrohung Aachens von einer Epidemie in Lüttich aus. Die Pest erreichte jedoch nie mehr diese Ausmaße wie im 14. Jahrhundert, und von der letzten Pest-Pandemie Ende des 19. Jahrhunderts mit weltweit rund 12 Millionen Toten, war hier nichts zu spüren.

Im Bedrohungspotential wurde die Pest schon im 18. Jahrhundert von den Pocken abgelöst. Für Schevenhütte in der Bürgermeisterei Gressenich (heute: Ortsteil der Stadt Stolberg) sind diese erstmals 1733/34 epidemisch nachweisbar, bis 1893 brachen jedoch überall im Aachener Revier immer wieder Pocken-Epidemien aus. Zur bisher letzten Pocken-Panik kam es, als Ende Februar 1962 das Krankenhaus in Simmerath unter Quarantäne gestellt wurde (Grunenberg 1962). Unterdessen waren neben den Pocken Ruhr, Typhus und vor allem Malaria die vorherrschenden Geißeln an der Vicht, bis mit der Industrialisierung die Cholera hinzu trat und es dann auch vermehrt zu Lungenerkrankungen kam.

Die Cholera forderte in mehreren Pandemien im 19. Jahrhundert mehrere Millionen Tote. Noch bis 1920 trat sie in Deutschland auf. Alleine im relativ kleinen Preußen hatte sie bis dahin rund 300.000 Todesfälle verursacht. Epidemisch waren zunächst Aachen, schließlich auch Dörfer in der Bürgermeisterei Gressenich betroffen. Auf die Cholera folgte als Pandemie die "Spanische Grippe", die von 1918 bis 1920 mindestens 50, Schätzungen gehen zu 100 Millionen Tote weltweit gefordert hat. Die "Spanische Krankheit", wie die Influenza hierzulande genannt wurde, ging trotz ihres Namens nicht von Spanien aus. Vermutlich haben US-amerikanische Soldaten sie im Sommer 1918 auf das westeuropäische Schlachtfeld eingeschleppt, von wo sie sich nach Osten ausbreitete, und vermutlich beschleunigte sie die Niederlage des kaiserlichen Heeres. Im Juni 1918 kommt sie im Aachener Raum an. Die zweite Welle im Oktober und November 1918 verläuft dann auch hier in der Region signifikant letal. Doch noch bis in den Oktober hinein verharmlost die deutsche Pressezensur die Influenzawelle. Am 16. Oktober schließen in Stolberg die Schulen, am 24. Oktober werden Vorbeugemaßnahmen wie Abstand-halten und Meidung von Menschenansammlungen empfohlen. Dann häufen sich aber schon die Todesanzeigen in der Lokalpresse mit verdächtig gleichlautendem Datum. Im Schnitt waren zwei von drei Einwohnern erkrankt. Als schließlich die Revolution ausbricht, wird auch örtlich massive Kritik an Verwaltung und Ärzteschaft laut. (Vgl. Bote an der Inde – Eschweiler Zeitung/Stolberger Tagespost von Oktober bis November 1918.)

Im Verhältnis zur Cholera und im Vergleich zu anderen Staaten liegen zur verheerenden "Spanischen Grippe" aus dem Deutschen Reich wenig Quellen vor. Hier trafen indes gleich verschiedene Desaster, die soziale Nivellierung bedingen können, aufeinander: die Hungerjahre von 1916 an, der verlorene Krieg, die Revolutionswirren und eben die Influenza. Deren sozialen Folgen lassen sich unter den Bedingungen des verlorenen Kriegs auch nicht unbedingt separieren. Dagegen ist die Cholera als ein Motor sozialer Nivellierung recht gut zu beobachten. Zumindest in den Städten, als schließlich auch Hamburg infolge der Epidemie von 1892 mit mehr als 8.600 Toten endlich zur Verbesserung der hygienischen Lebensbedingungen für Arbeiter gezwungen wurde.

Insofern ist die Cholera im kollektiven Gedächtnis auch besser verhaftet geblieben als die "Spanische Krankheit". So finden wir neben dem Cholera-Kreuz in Mausbach solche in umgebenden Orten wie z.B. in Eschweiler, aber kein Denkmal an die "Spanische Grippe". Unterdessen galt die Cholera aber auch als besonders erniedrigend, da sie die Ausscheidungsfunktion des menschlichen Körpers recht drastisch offenlegt.

Die Cholera

Cholera ist eine bakterielle Darminfektion, Exitus letalis der "Blaue Tod" genannt, nach der verräterisch blauen Färbung von Lippen und Fingern, und wird hauptsächlich durch verunreinigtes Trinkwasser, wenn Abwasser und Brauchwasser nicht sauber getrennt sind, verbreitet. Cholera vermag das stattliche Ansehen eines Menschen innerhalb weniger Minuten auf einen Haufen weiß-wässriger Schleimflocken zu reduzieren, letalis kommt man quasi in seinen Exkrementen um. Sie verlief indes nicht unbedingt tödlich. Unbehandelt liegt die Letalität bei 20 bis 70 %. Behandelbar ist die Cholera mit intravenösem Ersatz von Nährstoffen und mit Antibiotika. Das war im 19. Jahrhundert aber nicht möglich.

Die Cholera grassierte vor allem in der von Armut betroffenen Bevölkerung, und die Armut nahm mit der Industrialisierung zu. In den Städten wurde die öffentliche Grundversorgung für den steigenden Bedarf an Arbeitern vernachlässigt und die Teilung in einen Westen mit "guten" Leuten und einen Osten mit Slums und desaströsen hygienischen Zuständen entstand. Dies nicht nur europaweit in den Großstädten. Auch Eschweiler und Stolberg zeigen eine derartige Entwicklung auf. Dabei galten die Lebensverhältnisse für Arbeiter insbesondere in Eschweiler auch noch im Anfang und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als unter dem deutschlandweiten Niveau (Bender 1991, S. 99). Auf dem Land traf die Armut in erster Linie die Haushalte mit Tagelöhnern, Heimarbeitern und Ackerern. Gemeinsam war hier wie dort verständlich die Massenalkoholisierung, gegen die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts "Mäßigungsvereine" selbst in so überschaubaren Ortschaften wie Gressenich auftaten (Gemeinde Gressenich, Akten 993), die das Problem indes nicht auch nur im Ansatz an der Wurzel zu bekämpfen versuchten, sondern vielmehr mit bürgerlicher Apostel-Moral auf unanständiges Verhalten hinwiesen. Zwar gab es in Eschweiler im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl im Vergleich mit anderen Gemeinden eine relativ geringe Dichte an Gaststätten, doch war dies nur ein Zeichen der Armut unter dem Gros der Bevölkerung. Der billige Fusel beim Bäcker nämlich war der erschwinglichere. So sind es in der vom Eschweiler Geschichtsverein beförderten "Heimatliteratur" immer wieder die lokalen kleinbürgerlichen, selbstzufriedenen Eliten, die mit den dortigen Gaststätten in Verbindung gesetzt werden.

Bekämpfung der Cholera

Die in der Armut geschwächten Menschen aber waren die Daueropfer der Cholera, die Aachen erstmals 1832 ereilte. Im September 1831 hatte die preußische Regierung Maßnahmen, die einer Ausweitung vorbeugen sollten, angeordnet und hatte die Grenzen geschlossen. Die Kommunen wie die Bürgermeisterei Gressenich und umliegende Dörfer waren zur Reinigung von Brunnen und Weihern, zu Reinlichkeit in öffentlichen Gebäuden und auf öffentlichen Straßen angewiesen worden (Gemeinde Gressenich, Akten 1222, 1277, 1279). Im Jahr 1884 noch verdonnerte der Gressenicher Bürgermeister von Werner einen Mausbacher zur Geldstrafe, weil dieser einen Misthaufen, aus dem Jauche flöße, vor seinem Hause liegen hatte (Sauer, 29199 231). Zum andern waren Quarantänen vorgesehen. Anfangs wollte man noch ganze Ortschaften unter Quarantäne stellen. Doch je mehr die Seuche sich ausbreitete, umso schneller sah man ein, dass dies mehr hinderlich war als Nutzen brachte. Die Quarantäne beschränkte sich schließlich weitestgehend darauf, dass Kranke in die von den Gemeinden einzurichtenden Not-Spitäler, oft in Schulgebäuden, mancherorts waren dies noch Küsterwohnungen, unter Räucherwerk verbracht und Tote auf eigens eingerichteten Cholera-Friedhöfen, streng getrennt nach Konfessionen, bestattet wurden. Helfen tat das nicht, und auch die ärztlichen Bemühungen erstreckten sich auf bedenkliche pharmazeutische Präparate, unter denen Opium noch das harmloseste war (vgl. Gypser 1984, 48 Anm. 1, 1a). Erfolg sollte der "Schweißerregungs-Apparat" oder "Dampf-Bade-Apparat" (Allgemeine Zeitung, Koblenz, Oktober 1831), eine Abwandlung des von dem rheinischen Sozialreformer und Wirtschaftstheoretiker Ludwig Gall (*1791 in Aldenhoven, †1863 in Trier) erdachten vereinfachten Dampfbrennapparats für die Trester-Destillation durch die Mosel-Winzer versprechen (Gall 1831). Unterdessen waren solcherart Therapien ohnehin nur Begüterten erschwinglich, was dann auch zur Gründung von "Vereinen zur wechselseitigen Versicherung gegen Cholera" (Gemeinde Gressenich, Akten 1222) führte. Das Gros der ganz Unbemittelten ging freilich leer aus. Erst mit dem "Gesetz, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten" vom 4. Juli 1900 (RGBl. 1900, 24, 306-317) wurden Spitäler schließlich zur Unterhaltung von Anlagen für "strömenden Dampf" verpflichtet. Die am Antonius-Hospital in Eschweiler für das Jahr 1902 von Klaus-Henning Gypser (1984, 47) genannte Anlage dürfte auf eben dieses Gesetz zurückgehen, zumal die Durchführungsbestimmungen zu diesem Gesetz (RGBl. 1900, 46, 849-869) genau diese Anlagen vorschrieben.

Die Cholera in der Bürgermeisterei Gressenich

Während 1832 Aachen, Haaren und Würselen vom "Blauen Tod" ereilt wurden, blieb das Aachener Umland in die Eifel hinein den offiziellen Meldungen als auch zeitgenössischen Berichten nach verschont. Indes wurde der Cholera-Friedhof der Bürgermeisterei Gressenich am äußersten Rand der Gemeinde, am Burgholz (heutige Derichsberger Straße in Mausbach) angelegt. Vorsorglich und im Rahmen der behördlichen Auflagen – eine Belegung ist nicht bekannt geworden. 1842, im Zeichen einer neuen Ruhr-Epidemie, einer Missernte und nach der Malaria von 1840/41, wurde ein hölzernes Passionskreuz im Eingang dieses Friedhofs errichtet, seine Erneuerung aus dem Jahr 2003, eingesegnet vom örtlichen katholischen Pfarrer, steht ungefähr gegenüber. Die Schnitzereien weisen unter den Leidenswerkzeugen die 30 Silberlinge an Iudas Iskariot auf. Die Gegend um diesen Friedhof trug danach die Bezeichnung "An den 30 Silberlingen"; eventuell als Meditation, dass die Infektionskrankheiten, die das 19. Jahrhundert beherrschten, eine Bestrafung der Menschen für den Abfall vom Glauben sei. Die Arbeiter aus Mausbach, Werth und Gressenich jedenfalls mussten dieses Kreuz täglich auf dem Fußweg zu den Fabriken im Vichttal und von dort zurück nach Hause passieren. Es ist vermutlich kein unmittelbares Cholera-Kreuz und vielmehr nach seinem Standort als solches bezeichnet worden; ein Pestkreuz und Ermahnung durch die Kirche. Helfen tat so etwas natürlich auch nicht. Jedenfalls nicht gegen Ursache und Wirkung. Auch die in bürgerlichen konservativen Kreisen um katholische Kirchenleute geborene, bald larmoyant erscheinende Barmherzigkeit bewirkte in der Hinsicht gar nichts, wenngleich sich Kirchenleute wie im Aachener Karitaskreis um die selig gesprochene Clara Fey tatsächlich sozialen Defiziten und ab 1845 die "Armen Schwestern vom hl. Franziskus" um die selig gesprochene Franziska Schervier den Cholera-Patienten widmeten. Barmherzigkeit gab es reichlich. Allein im Kirchenstaat, am Heiligen Stuhl beim Papst, der höchsten Instanz des katholischen Bekenntnisses, gab es Barmherzigkeit im Überfluss und doch im Unmaß die Armut.

1848 war die Cholera wieder in Aachen und flackerte auch weiterhin auf. 1855 wurde in Eilendorf gestorben, 1866 war sie in Stolberg, wo unter den Bergleuten auch noch die Pocken ausbrachen. Betroffen waren vor allem aber die Arbeiter-Stadt Eschweiler und die angrenzenden Dörfer Hamich und Hastenrath. 487 Infektionen wurden dort unter rund 13.000 Einwohnern registriert, 274 davon verliefen letal. 1866 war die Cholera aber auch in der Bürgermeisterei Gressenich, allen Hochämtern und Prozessionen der katholischen Kirche auf den Dörfern zum Trotz. Auf der Gressenicher Mühle, also in unmittelbarer Nähe zu Hamich, ist ein Erkrankungsfall berichtet worden, aus Vicht indes mehrere Todesfälle (Sauer, Abruf v. 27.12.2019).

Dass andere Ortschaften der Bürgermeisterei Gressenich, in der die Armut überall weit verbreitet war, eher glimpflich davon gekommen sind, dafür liefern die geologischen Verhältnisse wie z.B. in Mausbach einen Erklärungsansatz, der in gewisser Weise nun doch mit dem dortigen Patrozinium zu tun hat. Mausbach war nämlich ursprünglich dem hl. Nikolaus unterstellt worden, weshalb Einwohner von Mausbach im Volksmund immer noch Muisbicher Klöös (Mausbacher Kläuse = Klaus, Kurzform von Nikolaus) genannt werden. Bis in das 18. Jahrhundert wurde Nikolaus als Brückenheiliger verehrt. Die um 1880 abgebrochene Nikolaus-Kapelle, an die heute ein 1902 errichtetes Gedenkkreuz an der Süßendeller Straße erinnert, war zwar an der früheren Römerstraße gelegen. Es verweisen unterdessen zahlreiche Flurbezeichnungen auf den außerordentlichen Wasserreichtum der Gegend (vgl. Esser 1962). Im Streit mit der Gressenicher Bürgermeisterei um einen Schulneubau gab ein Mausbacher 1832 an, dass sein Sohn sich durch das ständige Wasser auf der Dorfstraße nicht durchwinden könne (Gemeinde Gressenich, Akten 979). Heute erscheint Mausbach als weitgehend trocken, eine Folge des Bergbaus im unmittelbar angrenzenden Diepenlinchen als auch der baulichen Entwässerungsmaßnahmen der Gemeinde vom Anfang bis weiter in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute gibt es auch wieder mehr Wald, der Wasser bindet, während im 19. Jahrhundert die Bäume für den immensen Verbrauch von Holzkohle für die traditionelle und mehr noch für die frühindustrielle Eisen- und Stahlerzeugung, für Grubenholz und Bahnschwellen respektlos gegen nur vereinzelte, weitsichtigere Mahner umgehauen worden waren. Einem Bericht des Mausbacher Pfarrers nach aber war es noch 1906 offenbar nicht allzu schwierig, am Derichsberg während der Schneeschmelze zu ertrinken (Ortmanns 2002, 29). Überhaupt wurde in der Gegend viel ertrunken als auch getrunken, sodass ein gewisser Zusammenhang mit der verbreiteten Alkoholisierung bestand (vgl. Lieck 1980, 2). Doch die Mausbacher Haushalte im 19. Jahrhundert waren überwiegend mit eigenen Brunnen versorgt. Das Brunnenwasser dürfte durch Lehmlinsen, worauf Flurbezeichnungen deuten, von den Abwässern, die durch das im Überfluss vorhandene Schichtwasser abgeführt wurden, weitgehend getrennt gewesen sein. Für die Reinlichkeit der Brunnen sorgte zudem das traditionelle Pützwiessen, das Reinigen und Kalken der Brunnen wenigstens zweimal jährlich zur Kirmes. Dadurch war hier eine relativ gute Wasserversorgung gegeben und damit fiel der bedeutendste Verbreitungsgrund der Cholera weg oder wurde gegenüber den Industiegebieten zumindest deutlich reduziert. Aus den hier vorliegenden Abschriften der Sterbebücher sind für Mausbach keine Cholera-Fälle bekannt, derweil die Menschen in Vicht den Bach sowohl als Kloake als auch als Trinkwasser benutzten.

Meteorologische Ursache und soziale Folgen

Als Herd der Cholera-Pandemien des 19. Jahrhundert gilt Bengalen/Indien, seit jeher ein endemisches Cholera-Gebiet. Der Erreger kommt indes weltweit in Brackwasser vor. Gillen DA. Wood (2015, 111-113) hat mit weiterem Nachweis dargelegt, dass Wetter-Anomalien und Klimaveränderungen Einfluss auf die Übertragung nehmen: extreme Niederschläge fördern das Wachstum von Nährstoffen für das Bakterium und Überschwemmungen tragen es aus, Dürren konzentrieren die Population und sorgen so über die Wasseraufnahme für seine Übertragung. Meteorologische Ereignisse wirken sich zudem auf Temperatur und Salzgehalt des Wassers aus und können somit Abspaltungen und Umwandlungen organischer Krankheitserreger besorgen. Solcherweise boten die mehrjährigen Wetter-Anomalien in Bengalen infolge des Vulkanwetters nach der Eruption des Tambora auf Sumbawa/Indonesien im April 1815 günstigste Bedingungen für einen neuen und gegenüber dem endemischen tödlichen Cholera-Stamm, der sich 1817-1819 in Indien und durch Handel, Kriege und die durch Armut bedingten unhygienischen Zustände in den Industrieländern und die unhygienische Betreuung der Befallenen weltweit verbreitete.

Die meteorologischen Zusammenhänge, das "missgestimmte Wetter", wurden seinerzeit in der traditionellen Medizin noch wahrgenommen, von der alleine noch messenden Wissenschaft jedoch verworfen, wobei gerade diese Stilblüten lieferte wie die "Beobachtung" der Verbreitung der Cholera durch Luftfeuchte und Wind (Ernst August (1831): Luftfeuchtigkeit und Cholera, ein meteorologischer Beitrag zur allgemeinen Charakteristik der Krankheit). Die ökologischen Zusammenhänge ließen sich auch mit Gesellschaft und der weltanschaulich dominierenden Kirche nicht als Wahrheit vereinbaren. Denn die Seuche stellte den Fortschrittsglauben und damit das Selbstbewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft infrage. Sie folgte ja dem sich aufschwingenden globalen Handel wie die Geister dem Zauberlehrling, und dabei legte sie die wirtschaftliche Ungleichheit, die mit der Industrialisierung in kürzester Zeit ganz enorm befördert worden war, offen. Schließlich rüttelte sie der sozialen Frage wegen an der "Gottgegebenen Ordnung".

Die Eliten konnten sich daher wesentlich besser mit dem Gedanken, dass die Cholera ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen würde, anfreunden. Sie machten die Seuche zum Politikum: "eine Parthei muss dahinter stecken" (Berliner Conversations-Blatt 1832, zitiert nach Briese 2003, 205), ein Schuldiger musste her. Das begründete einen bis heute bestehenden Rassismus: Die in Indien üblichen Pilgerreisen wurden für die Cholera-Übertragung verantwortlich gemacht, woraus zunehmend Unterschiede zwischen Orient und Okzident postuliert und rassifiziert wurden. So führten die Cholera-Ausbrüche in dem Europa näheren muslimischen Pilgerort Mekka denn auch zu direkten antimuslimischen Darstellungen. Dies erlaubte der Kirche die "soziale Frage" weiterhin fest im Griff zu halten, und auf dem Land dominierte weiterhin der katholische Aberglaube, das Übel in der Welt wegbeten oder wegprozessionieren zu können. Unterdessen hat das auch nicht geholfen, als Rassismus und Nazismus schließlich das Land ereilten. Dem stand weniger die in der Kirche ausgelobte Barmherzigkeit entgegen als der Antisemitismus der Kirche dem Nazismus förderlich war.

Zu einer Politisierung der Cholera kam es aber auch aus der Arbeiterschaft ausgehend von den Industrie-Städten, in der die Forderung nach gleichen hygienischen und sanitären Bedingungen für alle zu einem bestimmenden Thema der sozialen Gerechtigkeit wurde. Darauf antworteten die konservativen Eliten nicht bloß weitgehend mit larmoyanter Anteilnahme, sondern auch mit dem Militär. Garnisonen in Aachen und dann auch in Eschweiler eigneten sich ganz hervorragend, eventuelle Streiks, die man ohnehin als unanständig ansah, im Keim zu ersticken und die "soziale Frage" weiterhin der katholischen Kirche und ihrer Barmherzigkeit zu überlassen. So kam es 1919, nachdem die Garnisonen am Ende des Kriegs, in dem für "Gott, Kaiser und Vaterland" gestorben, verkrüppelt und gehungert worden war, abgezogen waren, zu einer Welle mit rund 100 Streiks im Aachener Revier. Unweit des Cholera-Kreuzes, auf der Grube Diepenlinchen bei Mausbach wurde gestreikt und man trat dort aus der katholischen Kirche aus.

Bei den Eliten erkannte man aber auch, dass eine allzu krasse soziale Ungleichheit das wirtschaftliche Wachstum und die Gewinnmaximierung beschädigen konnte. Immerhin, aber auch zu nicht mehr, führte die Cholera in Deutschland schließlich zu einem nennenswerten staatlichen Gesundheitssystems und zu Maßnahmen in der Industrie, die die Überlebenschancen der Arbeiter erhöhten und damit zu einem gewissen Interessenausgleich führten.