Laudismonte

Bibliothek

Haro von Laufenberg (2020):

Kommunalheraldik im Ungeist des Nazismus

Das Gressenicher Gemeindewappen 1939 - 1971

Dass Gemeinden unterhalb der Städte sich mit Wappen schmücken, ist um die Wende zum 20. Jahrhundert aufgekommen und hat sich nach dem Ersten Weltkrieg verbreitet. Da solcherart Ortswappen genehmigungspflichtig waren (und noch sind), tragen einige den Ungeist des "Nationalsozialismus" in sich. Das gilt auch für das Wappen der ehemaligen Gemeinde Gressenich, die ihr 1939 genehmigtes Wappen bis zur Eingemeindung am 1. Januar 1972 nach Stolberg (Rhld.) führte. Ein Glasmosaik mit diesem Wappen wurde gegen Ende der 1960er Jahre an der Fassade des ehemaligen Bürgermeisteramtes eingelassen und ist heute noch zu besichtigen. Verschiedene Vereine zitieren dieses Wappen im Vereinssignet.

Vorbemerkung

Das Gressenicher Ortswappen ist gewissermaßen – auf die Gefahr hin, dass dies in der Fachsprache der Heraldik nicht ganz korrekt ist – ein "redendes" Wappen: Es soll sich auf die Ortsgeschichte beziehen. Dies erfordert nun einen kurzen Ausflug in dieselbe:

Die Gemeinde Gressenich war die flächenmäßig größte Gemeinde des ehemaligen Landkreises Aachen. Sie bestand von 1815 mit Unterbrechung zwischen 1845 und 1850 bis zur Eingemeindung in die Stadt Stolberg am 1. Januar 1972 aus fünf Ortschaften: Gressenich, Mausbach, Schevenhütte, Vicht und Werth. Als französische Revolutionstruppen 1794 das Linksrheinische besetzten, gehörten Gressenich bis zum Omerbach und Mausbach, das größte der fünf Dörfer, zum Hoheitsgebiet der Reichsabtei Kornelimünster, die übrigen Ortschaften zum Herzogtum Jülich, das nach 1742 in der 1777 mit der Kur Bayern vereinigten Kurpfalz aufgegangen war. Im Gressenich-Mausbacher Raum hat seit der Spätantike Siedlungskontinuität und mit Unterbrechung im Mittelalter bis 1917 Montanwesen bestanden. Der fränkische Königshof Gressenich mit ausgedehnten Waldungen und Rechten an Erzvorkommen kam 877 an das Kloster Inda, aus dem die Reichsabtei Kornelimünster entstand. Die Siedlungsplätze Vicht und Schevenhütte entstanden im 15. bzw. 16. Jahrhundert, die Ortschaft Werth erst im 19. Jahrhundert. Derweil war der Graf von Jülich dort Waldgraf und erhielt 1234 auch, da die Kirche nicht als rechtsfähig galt, die Vogtei über Gressenich, trat also in Rechtsgeschäften als Vertreter des Klosters auf. Typisch für den Adel versuchten die Jülicher sukzessive Rechte aus der Vogtei an sich zu ziehen. Dennoch konnten die Gressenicher Schöffen, die dort Gerichtsbarkeit ausübten, stets betonen, dass Gressenich, mithin auch Mausbach "Korneliusgemeinde" und damit der Abtei zugehörig seien. Ein Schöffensiegel von 1506 zeigt das abteiliche Wappen: zwei gekreuzte Abtstäbe. Diese Hoheitsrechte wurden schließlich im Jülicher Vertrag von 1531 verbindlich abgesteckt, und das hatte bis zur Ankunft der Franzosen Bestand.

Der Entwurf von 1939

1937 entschlossen sich die Gressenicher Gemeinderäte, ein Namenszeichen für die Gemeinde anzunehmen. Ein Wappen sollte es sein, mit Bezug zur Ortsgeschichte, und sie beauftragten den renomierten Düsseldorfer Heraldiker Wolgang Pagenstecher damit, ein solches zu entwerfen. Gemäß § 11 Abs. 2 der Deutschen Gemeindeordnung von 1935 musste ein Gemeindewappen von der Behörde des Reichstatthalters genehmigt werden, und Reichsstatthalter war nun Hermann Göring, der "zweite Mann" in Nazi-Deutschland. Pagenstecher arbeitete schon daher in enger Abstimmung mit den Nazis. Die indes bogen sich die "Heimatgeschichte" ideologisch zurecht, und das spiegelt sich im Gressenicher Gemeindewappen wieder. Das rund 1000 Jahre bestimmende kirchliche Herrschaftselement im Gebiet der Gemeinde wurde also – wie es im Gressenicher Amtsblatt 1966 noch heißt – "in der damaligen Zeit nicht für zweckmäßig gehalten". Gleichwohl hat man noch bis 1971, bis zum Untergang der Gemeinde, an dem "zweckmäßigen" Wappen nach dem Geschmack der Nazis festgehalten.

Der 1939 genehmigte Entwurf von Pagenstecher zeigt dominierend den Jülicher Löwen, der ein rotes Horn packt und an den Schultern mit einem kleinen Schild mit den Insignien des Bergbaus begurtet ist (Abb. 1, Blasonierung dort). Das Horn, es soll ein "Korneliushorn" sein, ist zwar ein Attribut des hl. Kornelius, lässt sich jedoch ebensogut auf die Waldgrafschaft der Jülicher beziehen. Als Insigne der Abtei Kornelimünster taucht es jedenfalls nicht auf. Das sind vielmehr die gekreuzten, goldenen Abtstäbe auf rotem Grund.

Nun gibt es ja gerade im "Nationalsozialismus" Bildkonstruktionen. Ein Bild transportiert daher nicht nur dann den Ungeist des Nazismzus, wenn man ein Hakenkreuz darauf sieht. So plump hat man das nicht gemacht. Es hat wohl schon den Fall in einem regional bekannten Geschichtsverein gegeben, dass man das Hakenkreuz aus dem Bild wegretuschiert hat. Das Bild fand man dann "schön", doch an dem, was mit dem Bild vermittelt werden sollte, hat die Retusche kaum etwas geändert, vielleicht sollte sie das ja auch nicht. (Vgl. zur NS-Bildkonstruktion Unheimliche Idylle.) Mit dem Verzicht auf das tatsächliche Insigne der Abtei Kornelimünster als auch im Proporz der Zeichen sucht nun der Entwurf von 1939 für das Gressenicher Gemeindewappen die Bedeutung der Kirche für die Ortsgeschichte wohl zu unterdrücken und mehr noch die Kirche in den Pranken weltlicher Gewalt darzustellen, was in dieser Dominanz den historischen Tatsachen nicht gerecht wird. Auch dass der weltliche Löwe mit den Insignien der Arbeit bewehrt ist, spricht sehr für eine Sichtweise der das Land aufrüstenden, den Krieg vorbereitenden Nazis, dass Arbeit der "Wehrhaftigkeit" diene, verkehrt indes die Tatsachen. Arbeit und Herrschaft waren hierzulande Gegensätze. Insofern und im Hinblick auf das dieser Zeit mehr als deutlich abgekühlte Verhältnis des Staats zum Anspruch der Kirche, ist davon auszugehen, dass das Gressenicher Gemeindewappen von 1939 der Nazi-Ideologie unterworfen ist: Die rein weltliche Macht, bewehrt mit der Arbeiterschaft, mithin die "Volksgemeinschaft", bezwingt die Kirche, die hier nur verschämt, aber weil die Gegend doch sehr katholisch-frömmig ist, mit dem Attribut des hl. Kornelius dargestellt wird.

[Notwendige Anmerkung für Heimatinteressierte aus der "Region",
27. August 2020,

weil kritische Einlassungen zum Nazismus auch noch nach 75 Jahren bei einem Teil des Publikums zu allergischen Reaktionen führen und infolge dieses Aufsatzes kolportiert wird, ich behaupte darin, dass die Gressenicher Gemeinderatsmitglieder, die über das Wappen befunden haben, Nazis gewesen seien.

  • Das behaupte ich nicht. Denn das ist gar nicht nötig, weil die Gemeinderatsmitglieder Nazis waren oder den Nazis sehr nahestanden, andernfalls sie 1937 und 1939 nicht im Gemeinderat gesessen haben könnten ("nationale Zuverlässigkeit"). Ob es sich dabei um "180er" gehandelt hat oder um "Mitschunkler", habe ich offen gelassen, weil
  • es in der Sache nicht darum geht, ob Gressenicher Gemeinderatsmitglieder Nazis oder welcher Art Nazis gewesen sind. Es geht vielmehr um eine Bildkonstruktion, wie sie nach der NS-Ideologie erwartet und verwendet worden ist. Insofern geht es darum, ob es opportun erscheint, heute noch in einem Heimatverein, mehr noch in einem örtlichen Geschichtsverein eine NS-Bildkonstruktion als Vereinssignet zu verwenden.
  • Ich behaupte auch nicht, dass Pagenstecher Nazi gewesen wäre. Dass er indes eng mit den Nazis zusammenarbeitete, liegt ja nun offen auf der Hand. Doch wenn Pagenstecher auch kein Nazi gewesen wäre, dann ist es ein Zirkelschluss, daraus zu folgern, dass auch seine Zusammenarbeit mit den Nazis frei von NS-Ideologie gewesen war.
  • Fernerhin ist gesagt worden, "man kann es nicht mehr hören" und meint die NS-Vergangenheit. Wenn so etwas von Mitgliedern eines Geschichtsvereins geäußert wird, ist dies nicht nur befremdlich, es gibt auch einen interessanten Untersuchungsgegenstand über die Nachhaltigkeit der sog. Vergangenheitsverdrängung und über Geschichtsfälschung ab.]

Der Alternativentwurf

Da das Ortswappen von 1939 von Heimatkundlern gerne auch im eigenen Signet zitiert wird, habe ich mich – unabhängig von einer rechtlichen Bewertung der Zulässigkeit solcher Zitate – entschlossen, eine Alternative, die frei vom ideologischen Ballast des "Nationalsozialismus" ist und die historischen Tatsachen klarer herausstellt, zu entwerfen und Lizenzen zur Verfügung zu stellen. Mein Entwurf zeigt in einem geteilten Schild die Krummstäbe von Kornelimünster gleichberechtigt neben dem Jülicher Löwen. Schlägel und Eisen werden in einer eingebogenen Spitze größer dargestellt als bei Pagenstecher, dies wegen der großen Bedeutung von Bergbau und Hüttenwesen in der Geschichte der fünf Dörfer. Sie sind gleichwohl im Schildfuß angesiedelt, weil die Leute zwar für Wohlstand sorgten, doch nicht für den eigenen, sondern den der Herrschaft. (Abb. 2, Blasonierung s. dort). Mein Entwurf lehnt sich aber auch an Pagenstecher an. Denn die Schildteilung ist ähnlich der im Amtswappen des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Landeswappen hat Wolgang Pagenstecher schließlich auch entworfen.