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Haro von Laufenberg (2014):

Die Mordwange an der Brüderstraße

Mord im Moor – Barockes Sühnekreuz für Dietrich Rutger aus Drolshagen

Im Broicher Wald im Bergisch Gladbacher Ortsteil Bensberg im Bergischen Land steht ein Mordkreuz für Dietrich Rutger. Die Aussage dieses Kleindenkmals scheint zum einen bisher nicht ganz geklärt gewesen zu sein, zum anderen gewährt die Interpretation einen spannenden, aber auch düsteren Blick auf das Lokalkolorit im 17. Jahrhundert.

Inhalte dieses Aufsatzes wurden erstmals im Februar 2014 auf Suehnekreuze.de veröffentlicht.

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Lage

Die Mordwange steht an der Brüderstraße im Bergisch Gladbacher Ortsteil Bensberg in der Niederung zwischen Köln und dem Aufstieg zum Bergischen Land. Die Brüderstraße geht vom Rather Weg rechts ab, kurz nach der Ausfahrt Bensberg von der Autobahn 4 (A4), und verläuft südlich parallel zur A4 an der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) vorbei. Sie führt in einer Rechtskurve auf Höhe des Wanderparkplatzes Brüderstraße/Broicher Straße unter der Autobahn durch in den Königsforst, der hier "Broicher Wald" heißt. Von dort führt sie wie ehedem als Waldweg weiter über Moitzfeld bis nach Overath-Untereschbach. Das Mordkreuz steht direkt an der Brüderstraße rund 300 Meter hinter der Unterführung links auf einer Grabenböschung im Unterholz versteckt. Ursprünglich war es wohl auf einem mit Steinen befestigtem Erdhügel aufgestellt, und ursprünglich stand es auch näher am Hummelsbroich, wo heute die BASt steht; des Straßenbaus für den Autoverkehr wegen wurde es versetzt und der Broich trocken gelegt.
(+50° 57' 6.00" N, + 7° 9' 7.60" O)

Beschreibung

Es handelt sich um ein Kreuz mit Winkelsegmenten und breiter konkav geschwungen auslaufendem Fuß in Bodenplatte, Andensit (Prophyrit). Die Höhe beträgt ca. 86 cm (der Fuß steht teils, Platte ist versenkt im Erdreich), die Balkenbreite 37.5 cm und die Tiefe rund 14 cm. Die wenig verwitterte Inschrift: "1636 / de[n] 1 de[c] / e[m]ber ist Dirrich / rütger der jun / ger zu / Drolshag / ne hier / ermord", darunter eingetieft zwischen zwei Initialen im geschweiften Schild eine Marke, weist es als Mordkreuz aus.

Zuweilen wird einer gewissen Ähnlichkeit mit dem zeitnah errichteten 'Schwedenkreuz' in Belmicke/Kreis Olpe wegen angenommen, dass das Mordkreuz an der Brüderstraße im Sauerland angefertigt und dann ins Rheinland verbracht worden wäre. Es unterscheiden sich jedoch die unziselierten Winkelsegmente an dem Kreuz hier von den schneckenförmigen dort und die Type der Inschrift, hier Fraktur, dort Antiqua. Im Übrigen hätten damals schon die Kosten gegen einen solchen Aufwand gesprochen. Es dürfte also im Rheinland nicht nur seinen Anlass in dem Mord an Dietrich Rutger gefunden haben, sondern auch dort angefertigt worden sein.

Deutung

Mordkreuz, Einlassungen am Fuß
Fuß des Kreuzes
Die Schildfigur mit den begleitenden Initalen wird in der Literatur zuweilen als "D - Χῖ (Χ) - P" = "Christus schenke ihm Frieden" interpretiert. Jansen (27.714) weist unterdessen darauf hin, dass der Bruder des Ermordeten, der Pfarrer Nikolaus Rutger, mit zwei schräggekreuzten Schwerten unter einem Kreuz gesiegelt habe. So erscheint es mir nach der Abbildung, dass es sich bei der Schildfigur weniger um ein Labarum (Chi-Roh) handelt, als vielmehr um eine Hausmarke (so bereits Panofsky-Soergel 1972, S. 58) oder die vom Auftraggeber beabsichtigte Darstellung dergleichen und dürfte dem Ganzen den Sinn geben "Dona Rutger Pacem" = "Schenke den Rutger Frieden". Das käme den dramatischen Ereignissen, die zur Errichtung der Mordwange geführt haben, recht nahe, zumal auf Sühnekreuzen nicht unüblich ist, die Ereignisse, die zu ihrer Errichtung geführt haben, zu erzählen oder anzudeuten.

Ereignisgeschichte

Dietrich Rutger wurde um 1577 in Drolshagen im Sauerland, heutiger Kreis Olpe, geboren. Drolshagen war gut katholisch und kurkölnisch und seit 1604 Mitglied der Hanse. Dietrich war der zweite Sohn des Dietrich Rutger (* um 1540, Bürgermeister in Drolshagen 1588 bis † 1611), Sohn des Simeon Rutger (Richter in Drolshagen 1562 bis † 1582), gehörte also zur politischen Führungsschicht und daher wohl die Bezeichnung "Junker" auf dem Kreuz, obgleich Dietrich nicht dem (Klein-)Adel angehörte. Der ältere Bruder Nikolaus war 1602 Pastor an St. Clemens in Drolshagen geworden, war aber veranlasst, die Pfarrstelle ab 1631 von einem Kurator verwalten zu lassen. Die Bürger sagten ihm Nachlässigkeit im Amt nach und dann wurde er auch noch der Zauberei beschuldigt, wobei sowohl dienlich erschien als auch im Kontext jahrelanger Zwistigkeiten stand, dass schon 1599 die Mutter mittels der Inquisition belangt worden war. Er genoß unterdessen das Protegé der Zisterzienserinnen von Drolshagen, deren Äbtissin Anna Elisabeth von Carthausen ihn 1602 als Pfarrer präsentiert hatte, die ihrerseits bereits seit 1550 um das Anrecht an der St.-Clemens-Kirche mit der Stadt im Streit lagen. Es wird sich um ein handfestes Machtspiel zwischen Kirche, Familie und Stadt gehandelt haben, und 1636 resignierte Nikolaus Rutger und verstarb wohl wenig später. (Angaben zur Familiengeschichte und den politischen Hintergründen sind gefunden worden in: Beständen des Landesarchivs NW zum Kloster Drolshagen, bei Bruns 1984, Decker 1984 und Jansen Stand 2014)

Vor dem Hintergrund dieses Streits ist es wahrscheinlich, dass Dietrich Rutger in dringlichen Sachen seines Bruders an die kurkölnischen Räte, die in Deutz (heute: Stadt Köln, Ortsteil Deutz) residierten, unterwegs war. Denn wie der Standort der Mordwange aussagt, reiste er auf der Brüderstraße, und das war von Osten, also von Drolshagen aus, der Weg nach Deutz. Die Räte hätten in die Zwistigkeiten eingreifen und parteilich gemacht werden können.

Dringlich muss die Reise gewesen sein, denn sie war beschwerlich und das Bergische Land war unsicher.

Dort, wo das Kreuz steht, heißt die Gegend heute noch "Broich", aus mhd. bruoch für "Sumpfland", und bis in die Mitte der 1970er-Jahre war zumindest der Streifen jenseits der Brüderstraße bis zur Bebauungsgrenze in Bensberg und Frankenforst immer noch durchgehend moorig. In der Zeit des Dietrich Rutger zogen sich indes weit mehr und ausgedehnte Flachmoore zwischen dem Rhein und dem Aufstieg zum Bergischen Land hin, wo die Höhenumgehung fehlt. Zu den damals üblichen Reisezeiten war die fehlende Umgehung solcher Gebiete weniger ein großes Problem, denn man reiste im Sommer bei Trockenheit und im Winter bei Frost. Dietrich war allerdings im Spätherbst unterwegs und der hygrische Jahresgang 1636 nach einem feuchten Nachsommer war allgemein nass (Glaser 2013, S. 146). Überhaupt war die Reise auf der Brüderstraße mitunter halsbrecherisch, ganz abgesehen von pragmatischen Wegführungen, die auch kleine Territorialherren zur Steigerung ihrer Zolleinnahmen erzwangen. Da, wo die Straße an Hängen verlief, zeugen heute noch nebeneinander verlaufende Hohlwege von häufigen Spurwechseln, wie in Untereschbach, unweit von Bensberg. Selbst im Hochsommer und bei Frost war die Straße im Grunde nur halbwegs gut befahrbar. Im dunklen und feuchten Dezember 1636, in den moorigen Niederungen im Broicher Wald, wenn auch kurz vor dem Zielort Deutz, dürfte es für Dietrich nochmal gruselig geworden sein.

Zu Dietrichs größerem Unglück aber herrschte der Dreißigjährige Krieg, die Urkatastrophe Mitteleuropas: Versprengte und marodierende Söldner des schwedischen Generals Baudissin machten das Bergische Land ebenso unsicher wie plündernde Kaiserliche mit spanischen Söldnern und den berüchtigten 'Kroaten' von der Militärgrenze. Herzog Wolfgang Wilhelm beklagte sich beim Kaiser, dass der Mansfelder "zehnmal mehr seiner Untertanen habe ums Leben bringen lassen als die Schweden" (Gruß/Herdepe 2007, S. 235), dass nur noch ein Sechstel der Bevölkerung seines Herzogtums am Leben sei, und befahl den Städten im Land, die Tore zu verschließen. Neben der Soldateska waren Räuberbanden unterwegs, die bekanntesten darunter wohl die "Pitheuer" und "Buschknebler", benannt nach ihren Foltermethoden, gnadenlose Erpresser und Mörder, die als Söldner ihr Handwerk gelernt hatten und denen nur schwer beizukommen war. Die Buschknebler z.B. waren zwar häufig im Raum Barmen unterwegs, außerhalb des Rheinlandes im Wuppertal. Das hinderte sie aber nicht, im heutigen Köln-Dellbrück die Grafenmühle niederzubrennen und darin 16 Personen, Frauen und Kinder, zu ermorden. Unterschiede zwischen marodierenden Söldnern und auf eigene Rechnung arbeitenden Räubern bestanden für die Bevölkerung ohnehin nicht. In der Wirkung waren diese Gruppen ziemlich gleich. Zu allem Übel brachte die Soldateska die Pest mit, die im Bergischen besonders zwischen den Jahren 1634 und 1637 grassierte.

Dann, im Moor und in der Dunkelheit des Spätherbstes, und so kurz vor dem Ziel, trifft Dietrich Rutger auf seine Mörder. Es sollen marodierende Söldner des schwedischen Generals Baudissin gewesen sein. Ob es sich bei den Mördern tatsächlich um Söldner unter schwedischer oder unter wessen Fahne auch immer, oder ob es sich um Räuber gehandelt hat, Dietrich Rutger dürfte wohl kaum einen leichten Tod gefunden haben.

Wenig später wurde das Sühnekreuz errichtet, vermutlich durch den Bruder, der alsbald darauf selber verstarb.

Im Hinblick auf die jahrzehntelangen Zwistigkeiten in Drolshagen und schließlich dem Mord an Dietrich Rutger erscheint die Auslegung der Schildfigur mit den diese begleitenden Initialen auf der Mordwange als "Schenk den Rutger Frieden" als durchaus stimmig.

Brüderstraße

Der Mord und die Stiftung des Kreuzes sind im kollektiven Gedächtnis verblieben. Daran rankt sich die mündlich überlieferte Sage, die Brüderstraße trüge ihren Namen nach einem Brudermord unter den Rutger.

Tatsächlich ist die Straßenbezeichnung "alde Broederstraiß" älter als die Probleme der Familie Rutger aus Drolshagen. 1489 wurde die Brüderstraße in einem Aachener Reiseinventar und 1575 von Arnold Mercartor verzeichnet. Sie war aber schon ein spätestens frühmittelalterlicher Höhenweg, der von Köln-Deutz über Bensberg, Overath, Marialinden, Drabenderhöhe, nach Denklingen und Wildenberg am östlichen Ende des Rheinlandes und von dort weiter nach Freudenberg und Siegen führte (vgl. Nicke 2000). Sie führte weitestgehend über Höhen, da die Täler – wie schon in der römischen Kaiserzeit – versumpft waren. Alles, wo Wasser war, wurde gemieden, und wo das unvermeidlich war, gab es in der Regel nur Furten. Es gab daher auch immer wieder Nebenstrecken, gleichwohl war die Straße die wichtigste Handelsverbindung des Oberbergischen Landes zum Rhein und zum Siegerland. Zugleich verlief über sie der Jakobsweg, und daraus könnte – in Ansehen der hohen Gläubigkeit in der damaligen Zeit – von den Pilgerbrüdern abgeleitet die Bezeichnung "Brüderstraße" entstanden sein. Zumindest deuten weitere Brüderstraßen im Raum Köln/Bonn, die nachweislich Pilgerwege waren, darauf hin.

Mit dem Bau der Köln-Olper Chaussee (1823 bis 1834) verlor die Brüderstraße ihre Bedeutung. 2007 wurde die Brüderstraße als Bestandteil eines durchgehenden Pilgerweges von Görlitz nach Aachen ausgewiesen sowie von Köln nach Marburg als "Elisabethpfad" zum Grab der Elisabeth von Thüringen (vgl. Heusch-Altenstein/Kühn 2007). In Bensberg, da wo Dietrich ermordet wurde, ist sie heute einer der üblichen Betonwege für den Autoverkehr bis sie unter der Autobahnunterführung her im Wirtschaftswald und Naherholungsgebiet verläuft und dort nur noch von Beamten und deren Erfüllungsgehilfen mit dem Auto befahren wird. Dietrichs Sühnekreuz musste ja denn auch dem Autoverkehr weichen.