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Haro von Laufenberg (2021):

Die Zauberer von Mausbach

Ein Beitrag zum Volksglauben

Bei Ausschachtungsarbeiten 1993 an der Mausbacher Kirche St. Markus fand man eine Bleiplakette aus dem Barock. Anscheinend handelte es sich um ein Zauberhilfsmittel. Gezaubert wurde auf den Dörfern in der Eifel und im Eifelvorland noch bis in das 20. Jh.

(Vorveröffentlichung aus dem AGM-Kalender 2022 "Brauch, Kult und Volksglaube im Jahreskreis", S. 165f.)

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Kabbala – das "Stolberger Bleisiegel"

Wann, wie, warum und durch wen das 1993 bei Ausschachtungsarbeiten gefundene sogenannte Stolberger Bleisiegel in den Erdboden neben der kath. Pfarrkirche in Mausbach/Stolberg (Rhld.) gelangt ist, weiß man nicht. Das Bleisiegel ist aus dem Barock, eine Kirche an dieser Stelle gibt es erst seit 1804.

Der Gegenstand ist ein im Vergleich dilettantischer Bleiguss aus dem besonders abergläubischen 17. Jh., der das mysteriös im Raum stehende, lichtumkränzte magische Anagramm in Rembrandts Radierung "Dr. Faustus" von ca. 1652, Abb., nachahmt. In der Mitte erhebt sich ein Kreuz, in dessen Segmenten die Lettern "I - N - R - I". Die in zwei weiteren Zeilen umlaufende Inschrift lautet von innen nach außen: "ADAM TE DAGIRAM – AM(artet) ALGAR ALGASTNA".

Wilfried M. Koch hat die in Mausbach gefundene Plakette erforscht (Archäologie im Rheinland, 1993, S. 157-159, Abb. Bleiplakette). Danach ist sie ein Zauberhilfsmittel, evtl. Gedächtnisstütze für kabbalistische Formeln zur Schatzsuche.

Die Kabbala ist eine ursprünglich jüdische, seit dem 9. Jh. im Wesentlichen mündlich tradierte Wissenschaft, nach der sich der Ursprung der Dinge aus den zehn hebräischen Zahlen und den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets ergibt, sodass die richtige Anordnung im Streben nach der Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu Gott Dinge erschaffenen könne. Im 13. Jh. gelangte die Kabbala im kulturellen Austausch mit den Arabern nach Europa und wurde dort ab dem 15. Jh. mit christlichem Hintergrund betrieben.

Auf die christliche Kabbala beziehen sich Rembrandts Radierung und mithin die Bleiplakette, deren Inschrift Koch aus dem hebräischen Tetragrammaton (Jahve), aus Kabbala, Aramäisch und Griechisch so wiedergibt: "Jesus Nazarenus König der Juden – Adam, ich werde dich führen – [rückwärts gelesen (Tetra)MA RAGLA ANTSAGLA] Jahve (Jehova) König – Adonai (Herr), Theos (Gott), Soter Agla (Retter, Heiland)".

Anfangs als Wissenschaft geduldet wurde die christliche Kabbala im 17. Jh. in die Nähe der Hexerei gerückt. Vielleicht hat sich deshalb jemand in Mausbach des Zaubermittels entledigt. Ganz trennen wollte man sich davon wohl nicht, denn Blei kann man ja leicht schmelzen. Vielleicht ist ein Mausbacher auf einen der fliegenden Scharlatane der Zeit hereingefallen. Solche, die mit massenhaft reproduzierten "Zaubermitteln" Kapital aus Ängsten und Nöten der Menschen zogen. Denn Not herrschte zur Mitte des 17. Jh.s. reichlich: Bis 1655 marodierte die Soldateska des Dreißigjährigen Kriegs im Land, bis 1670 brach die Pest im Aachener Raum aus, und über all das brachte das Maunder-Minimum, eine Abkühlung in der Kleinen Eiszeit von 1645/50 bis ca. 1715, Missernten und damit auch allgemein Teuerung. Zauberei und Aberglaube wurden zur praktischen Lebenshilfe.

Sympathiemedizin – der Heiler Anton Rüttgers

Wirklich praktische Lebenshilfe leisteten jene Menschen, welche die "Kunst" beherrschten: die Kenntnisse in der Naturheilkunde hatten und die Gabe, alltägliche Krankheiten oder Verletzungen "wegbeten" zu können. Noch bis in das 20. Jh. hinein gab es sie auf zahlreichen Dörfern in Eifel und Eifelvorland. Einer davon war der Bäckermeister Anton Rüttgers (1885-1960) aus Mausbach. Anton Rüttgers

Die "Kunst" wurde von Generation zu Generation "übertragen". Das konnte in der Familie bleiben, aber auch an Dritte übergehen, von Frauen auf Männer und umgekehrt, von Frauen auf Frauen und von Männern auf Männer. Rüttgers war die "Kunst" von einem Mann aus der Nachbarschaft übertragen worden.

Er war auf das Blutstillen "spezialisiert" und kannte die adstringierende Wirkung des in der Gegend reichlich vorkommenden Schwarzdorns. Rüttgers behandelte Menschen und Pferde. In Mausbach erinnern sich mehrere Menschen, als Kinder oder junge Erwachsene von Anton Rüttgers erfolgreich bei blutenden Wunden und bei Verbrennungen behandelt worden zu sein, oder dass nach Rüttgers geschickt wurde, wenn Pferde verletzt waren.

Ein wesentlicher Inhalt seiner Therapie war stets das Gebet zum christlichen Gott; in Behandlung eines Menschen gemeinsames Beten – evtl. eine Autosuggestion in der Wirkung wie ein Placebo, was bis heute unerforscht ist und bei Pferden sowieso.

Was gebetet wurde, ist nicht überliefert. Von anderen Heilenden ist bekannt, dass Gebete und Segen aus Büchern wie das "6. und 7. Buch Mose" bezogen wurden. Von solchen nahm man an, dass sie einst vom Papst rar ausgegeben, indes sukzessive von der Kirche wieder eingezogen wurden. Tatsächlich handelte es sich um Scharlatanerie, die auch an sympathischen Mitteln, Analogiezauber, nicht sparte. Vielleicht hat Rüttgers seine Gebete aus einem dieser Bücher bezogen. Von der Kirche waren die ja nicht sanktioniert und Rüttgers ging zum Gebet mit seinen Patienten in strenge Klausur; wohl auch eine tradierte Reminiszenz, denn das Gesundbeten ist lange Zeit verfolgt worden: Ein öffentlichkeitswirksam inszenierter Fall, solcherart Volksmagie zu unterbinden, war der Prozess 1679 gegen den hochbetagten Sympathieheiler Caspar Back aus Echternach, in dem dessen Wirken als Gebrauch von "schwartz künstlerey" gebrandmarkt wurde.